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Berufliche BildungModellprojekt Schulassistent*innen in Qualifizierung

Dem deutschen Bildungs-Schisma kann entgegen gewirkt werden – wenn auch nur aus der Not entstanden. Zwei Bemerkungen sind auszuführen, um die Überschrift im Ansatz zu erklären.

01.11.2019 - Ralf Hähnel Landesarbeitskreis Berufliche Schulen (E&W Sachsen Ausgabe 11/2019)

Deutsches „Bildungs-Schisma“:
In der Studie des „Netzwerk Bildung“ der Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel „Berufsbildung im Umbruch/Signale eines überfälligen Aufbruchs“ aus dem Jahr 2007 ([1]) findet sich die Begriffserklärung zum o. g. Schisma als de facto 'historisch entstandene […] Spaltung/scheinbare Unvereinbarkeit der höheren Allgemein- und universitären Bildung und der Berufsbildung'.
Als in der dualen Ausbildung mitwirkende und engagierte Lehrkraft der beruflichen Schule gelangt man unter Umständen (wieder) an den Punkt des Zweifels an der eigenen Wertigkeit. Sind die Akteure der „Höheren Bildung“ mehr wert?

Modellprojekt „Schulassistenten Q“:
Im April 2019 wurde bekannt, dass ein solches Projekt über schulscharfe Ausschreibungen begonnen werden soll. Für beruflich Aufstiegsqualifizierte (Techniker und Meister) und Bachelor of Engineering für die Bereiche Bau-, Metall- und Elektro-/ Informationstechnik wird der Zugang zur kooperativen Lehramtsausbildung, verbunden mit einer Schulassistenztätigkeit an BSZ, ermöglicht.

Im August 2019 nahmen die ersten Teilnehmer ihre Studien- und Arbeitstätigkeit auf. Sie erhielten einen unbefristeten Arbeitsvertrag (meist in der EG 6) mit der Zielstellung als berufsbegleitend Studierende (drei Tage in der Woche) und Schulassistenten (i. d. R. zwei Tage pro Woche) ein vollwertiges erstes Staatsexamen wie Regelstudierende zu erwerben.
Vor den teilnehmenden Personen liegt zwar ein aufgabenreich-langer Weg bis zum Abschluss der ersten Lehramtsprüfung und begleitender Assistenztätigkeit an Beruflichen Schulzentren (BSZ), aber grundsätzlich könnten so zumindest vom Ansatz her individuelle Karriereplanung und die teilweise Deckung zukünftiger Lehrkräftebedarfe für die beruflich-technische Ausbildung in Einklang gebracht werden. Es bleibt zu hoffen, dass das Projekt durch Schaffung entsprechender Ausbildungs- und Beschäftigungsbedingungen zum Erfolg wird.

Fachkräftemangel allgemein/Lehrkräftemangel:
Aus den Medien waren und sind seit geraumer Zeit Überschriften mit dem Begriff des branchenspezifischen und allgemeinen Fachkräftemangels in Deutschland, speziell auch in Sachsen, zu entnehmen. Prognosen warnen vor der weiteren Verschärfung der Situation, nicht zuletzt wegen des demografischen und strukturellen Wandels sowie der Rückläufigkeit der Bevölkerungsdichte in ländlichen Räumen. Über das Maß der wirtschaftlichen Attraktivität einer Region entscheiden maßgeblich auch die Angebote der beruflichen Erstausbildung, der beruflichen Aufstiegsqualifizierung und die Möglichkeiten einer heimatnahen Qualifizierung innerhalb eines Studiums.
Die Mangelerscheinungen zeigen sich u. a. beim Finden von Lehrkräften für die beruflichen Schulen. In der Bundesrepublik fehlen mehrere tausend vollqualifizierte Berufsschullehrer*innen bis 2030.
Stellen in Sachsen, und seien sie auch knapp bemessen (gewesen), konnten seit Jahren nicht mit voll ausgebildeten Berufspädagog*innen besetzt werden. Schon viel früher als in den allgemeinbildenden Schularten „erlebten“ die sächsischen BSZ den Seiten- bzw. Quereinstieg von Lehrkräften. Teilweise waren jahrelang (und sind auch heute) berufsbegleitende Qualifizierungen „der Berufs­praktiker*innen zu Berufsschullehrer*innen“ entweder nicht möglich, zeitaufwendig und somit schwerlich zu erreichen. Zudem erscheint für Betroffene die reglementierte Prüfung der Vorausbildung(en) intransparent. Vom Ergebnis bis zum Erreichen der vollen Anerkennung als Lehrkraft und der entsprechenden Entgeltung/Eingruppierung wirkt dies demotivierend.

Das Angebot des Modellprojektes mit der anfänglichen Tätigkeit als Schulassistent in Verbindung mit der Ausbildung zur Lehrkraft trägt zwar einen enormen Zeitaufwand in sich, ermöglicht allerdings erstmalig in Sachsen beruflich Gebildeten den direkten Zugang zur Lehrerbildung.

In Zeiten der besonderen zusätzlichen Herausforderungen – „digital, politisch, nachhaltig“ – kann und darf nicht der Eindruck erweckt werden, dass „Lehrer*in“ der Allgemein- und der Berufsbildung ein Anlernberuf ist. Die Erwartungshaltung der Gesellschaft – die Jugendlichen und deren Eltern, die Berufsverbände und Kammern, die Lehrherren, die Konsumenten von Produkten und die Auftraggeber von Dienstleistungen usw. – ist, dass auf höchstem personellen und bestem Ausstattungsniveau an den BSZ unterrichtet wird. Darüber hinaus hat Deutschland gegenüber den europäischen Partnern die Verpflichtung, die Wertigkeit seiner Bildungsabschlüsse im Deutschen Qualifikationsrahmen an den Europäischen Qualifikationsrahmen anzupassen.

Als geneigter Verfechter der beruflichen Bildung ertappt man sich durchaus  auch einmal dabei, bildungspolitische Pläne mit der Erhöhung der Abiturientenquote und der folgend angestrebten hochschulischen Ausbildung als „Studienwahn“ zu bezeichnen.
Bezüglich der qualitativen Ansprüche als Dualpartner oder innerhalb der Berufsfachschul- und Fachschulausbildung als „(fast) Alleinakteur“ im System der deutschen Berufsausbildung ist die Studienqualifizierung zum BSL jedoch ein „Muss“. Zumindest so lange, bis die Merkmale der Anerkennung nonformal und informell erworbener Kompetenzen auch für das Beschäftigungssystem des öffentlichen Dienstes festgeschrieben sind.
Dies gilt natürlich auch für Lehrkräfte, die in studienqualifizierenden Bildungsgängen unterrichten.

Wettbewerb mag teils gut sein, aber vielmehr geht es perspektivisch um die gegenseitige Anerkennung und Akzeptanz zwischen den Protagonisten und Institutionen der Allgemeinbildung, der Berufsbildung und der hochschulischen Bildung, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt auch im Bildungsbereich nicht aufs Spiel zu setzen.
Dazu gehört eben auch der weitere Ausbau der Verfahren zur Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen mit neuen, innovativen Instrumenten der Anrechnungsfähigkeit zu bereits nachweisbaren Kompetenzgewinnen.
Ohne „Abschottung“, ohne Minderwertigkeitsgefühle und Höherwertigkeitsansprüche ist mehr machbar. Das zeigt die Planung zum Schulassistenten Q.

Ralf Hähnel
Landesarbeitskreis Berufliche Schulen


[1] https://library.fes.de/pdf-files/stabsabteilung/04258/studie.pdf