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Zwischen Leben und Behinderung

Zu diesem Beitrag hat mich eine wiederholte Erfahrung meiner zu betreuenden Jugendlichen veranlasst.

25.05.2016 - Juliane

Drei meiner Schützlinge wollten gestern, nach dem Shopping, von der Sachsenallee zurück zum Terra Nova Campus mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Als der Bus kam, ging einer der drei zum Busfahrer und bat ihn höflich die Rampe für Rollstuhlfahrer auszuklappen. Der Busfahrer blieb sitzen und sagte sehr unfreundlich, dass nur 2 Rollstuhlfahrer mitfahren können und einer bereits im Bus ist. Da zwei meiner Jugendlichen im Rollstuhl unterwegs waren, hätte einer von ihnen also auf den nächsten Bus warten müssen. Und anstatt wenigstens dem anderen zu helfen in den Bus einsteigen zu können, wartete der Busfahrer ab, was passiert. Dank eines hilfsbereiten Fahrgastes, konnten meine Jugendlichen dennoch im Bus mitfahren.

Solche Situationen erleben Menschen mit Behinderungen täglich. Leider stoßen auch meine zu betreuenden Kinder und Jugendlichen immer wieder an Grenzen, die ihnen die Gesellschaft setzt.

Wo ist unser Problem?
Haben wir Angst vor Menschen, die anders sind, weil sie im Rollstuhl sitzen oder eine geistige Behinderung haben?

In Diskussionen mit Freunden versuche ich immer wieder diesen Hindernissen auf den Grund zu gehen, weil ich es nicht verstehen kann, warum wir mit schwächeren Mitmenschen so umgehen. Oft höre ich, dass ihnen Menschen mit Behinderungen leid tun.

Warum tun wir dann aber so wenig für sie?
Überall in unserer Stadt sind Barrieren, ob es fehlende Fahrstühle, Handläufe oder zu schmale Türen sind oder die fehlende menschliche Unterstützung (z.B.: Dolmetscher für Gebärdensprache) ist. Und dann wird die Behindertenrechtskonvention mit Füßen getreten.

Wo ist der Wille zu helfen?
Wo ist die Empathie der Gesellschaft hin?

Auch Menschen mit einer Behinderung sind Menschen! Oft sogar lebensfrohe, glückliche, gesunde Menschen. Wenn wir sie allerdings immer wieder durch unsere eigenen Vorstellungen und Ängste begrenzen, werden diese Menschen frustriert, wütend und unglücklich. Ja, Barrierefreiheit kostet Geld, aber unsere Mitmenschen sollten uns das Wert sein, denn auch sie haben ein freies, glückliches Leben ohne Hindernisse verdient.

In der Politik wird oft über Inklusion debattiert. Immer wieder wird festgestellt, dass Inklusion nicht gelingen kann. Auch ich bin mittlerweile zu dieser Entscheidung gelangt, allerdings, weil ich der Meinung bin, dass Inklusion von unserer Gesellschaft nicht wirklich ehrlich gewollt ist. Wer will schon ein behindertes Kind im Rollstuhl in der Klasse seines Kindes haben? Er könnte ja die anderen Kinder am Lernen hindern. Wer will schon einen jungen Mann mit einer geistigen Behinderung als Kollegen haben? Dem muss man ja alles mehrfach erklären und dann soll der auch noch normal verdienen!? Und wer will das bitte alles bezahlen?

Wir sprechen Menschen mit Behinderungen immer wieder Rechte ab, die wir aber doch alle haben. Zum Beispiel das Recht zu bestimmen, wie man sein Geld verdienen will. Oder das Recht auf eine „normale“ Ausbildung und einen „normalen“ Arbeitsplatz. Stattdessen stecken wir sie in Werkstätten und lassen sie dort billig für große Firmen produzieren. Wie viel sind uns Menschen Wert???

Auch das Recht eine Familie gründen zu dürfen steht oft im Fokus der Diskussion. „Wenn man schon behindert ist, muss man ja nicht noch ein Kind in die Welt setzen. Und dann hat es vielleicht selbst auch noch eine Behinderung.“ Solche und ähnliche Aussagen werden dann in die Diskussion eingeworfen. So etwas macht mich wütend und ich frage mich mit welchem Recht wir uns über andere Menschen stellen! Wer bzw. was gibt uns das Recht über Menschen zu urteilen und ihnen zu unterstellen, dass sie schlechte Menschen sind, nur weil sie eine Familie gründen wollen? Wer sagt denn, dass es unangemessen ist, ein Kind mit einer Behinderung auszutragen? Und wer sagt, dass dieses Kind automatisch auch eine Behinderung hat?

Auch Sätze, wie: „Wenn das Risiko besteht, dass es behindert wird, muss ich ja nicht noch ein Kind zeugen!“ finde ich in diesem Zusammenhang mehr als unangemessen!!! Man kann nie vorhersagen, ob ein Kind mit oder ohne Handicap zur Welt kommt, weil es dafür so viele entscheidende Faktoren von innen und außen gibt. Hat nicht jeder Mensch das Recht zu leben? Kann nicht jede Frau selbst entscheiden, ob sie ein Kind möchte? Das Zauberwort heißt hier: Selbstbestimmung!!! Gerade wir Frauen haben uns diese im Laufe der Geschichte der Menschheit hart erkämpfen müssen. Ich finde, diese sollte dann auch für alle Menschen gleich gelten, nicht nur für Menschen ohne Behinderungen!

Oft werden Familien mit Kindern mit einer Behinderung vorverurteilt. Vor allem dann, wenn mehrere Kinder im Haushalt leben. Es werden Vorwürfe laut, wie:
„Wie kann man das den Geschwisterkindern antun?“
„Wie kann man noch ein Kind machen, wenn das erste schon ne Behinderung hat?“
„Man hätte es ja auch abtreiben können!“

Nein! Solche Dinge sollte sich keine Mutter, kein Vater und kein Mensch anhören müssen!!!

Eltern, die ein Kind mit besonderen Bedürfnissen haben, müssen oft schwere Hürden überwinden und sollten nicht aus Angst oder Unwissenheit mit solchen beleidigenden Äußerungen zusätzlich belastet werden.

Es gibt Behinderungen, die man pränatal nicht diagnostizieren kann und die erst nach der Geburt erkennbar werden. Außerdem ist es allein die Entscheidung der Eltern, ob sie ihrem Kind das Leben schenken wollen, oder nicht! Wenn man sich vorstellt, ein Kind, was man unter dem Herzen trägt zu töten und tot gebären zu müssen, dürfte vielen die Entscheidung für Abtreibung nicht leicht fallen. Allerdings ist es auch nicht verwerflich, wenn eine Mutter sagt, sie kann und will dieses Kind nicht haben und sich für eine Abtreibung entscheidet. Das ist Selbstbestimmung!

Es wird immer geurteilt, dass Kinder mit einer Behinderung arm dran sind und es ihnen schlecht geht. Warum? Warum nehmen wir immer an, dass eine Behinderung immer etwas Negatives ist?

Ich sehe meine Kinder und Jugendlichen jeden Tag und habe nicht das Gefühl, dass es ihnen schlecht geht.

Im Gegenteil, sie sind gesund, lachen, tanzen, spielen Basketball, machen Blödsinn, wollen nicht ins Bett und tricksen uns Erzieher aus – wie ganz normale Jugendliche eben! Oft habe ich sogar das Gefühl, sie haben aus ihrer Behinderung eine Stärke entwickelt, wie zum Beispiel eine sehr große Empathie oder die positive Sicht auf das Leben.

Vielleicht sollten wir uns weniger Gedanken und Sorgen darum machen, wie schlimm es sein kann eine Behinderung zu haben. Vielleicht sollten wir unser Leben wieder mehr genießen und die Schönheit und das Glück in den kleinen, alltäglichen Dingen wiederfinden.

Denken wir doch einfach mal darüber nach...

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