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SchuleSchulschließungen verschärfen bestehende Ungleichheiten

In der Pandemie-Krise sind Sachsens Schulen wieder selbst ihres Glückes Schmied gewesen. Sechs koordinierte Schritte gegen die wachsende Ungleichheit, damit mehr Schmiede auch Glück haben.

06.05.2020 - Juri Haas, Mitglied im LHPR, FG Grundschulen - (E&W Sachsen Ausgabe 05/2020)

Am Freitag, den 13. März, erreichte die Schulen in Sachsen gegen Mittag offiziell die Information, dass ab Montag, den 16. März, die Schulpflicht auch in Sachsen aufgehoben ist, um die Ausbreitung der Corona-Pandemie zu verlangsamen. Während in Italien und auch anderen Bundesländern bereits Schulen geschlossen wurden, lehnte die Staatsregierung diese Maßnahme Anfang März noch explizit ab. Daher kam die Nachricht am Freitagnachmittag, als an den meisten Schulen die Schüler*innen und Lehrkräfte schon zu Hause waren, sehr überraschend.

Nur für wenige Schulen war es möglich, abgestimmt und vorbereitet die unterrichtsfreie Zeit zu beginnen. Viele Schüler*innen hatten die Lehrmaterialien noch in der Schule. Kommunikationswege konnten nicht mehr in Anwesenheit aller abgesprochen werden. E-Mail-Listen der Klassen waren nicht vollständig und funktionsfähig. An vielen Schulen fehlten sogar Verteiler, damit die Leitung mit dem Kollegium kommunizieren konnte.

Grundschulen standen vor dem Problem, wie sie am Montag feststellen konnten, welche Kinder sich morgens auf den Weg zur Schule gemacht haben und welche zu Hause geblieben sind und ob vielleicht welche fehlen. Viele Lehrkräfte bereiteten am Wochenende schon Aufgabenpakte für die Schüler*innen vor, von denen einige noch immer in den Schulen liegen und darauf warten, abgeholt zu werden. Viele Kolleg*innen stehen daher nun vor der Frage, was machen die Schüler*innen zu Hause, deren Aufgaben und Schulbücher noch in der Schule und deren Eltern nicht erreichbar sind.

Eigenverantwortung ist immer dann die Antwort, wenn Krisen bewältigt werden müssen
Diese plötzliche und unvorbereitete Umstellung auf den Fernunterricht war wieder ein Testfall für die vom Kultusministerium neuerdings immer öfter beschworene Eigenverantwortung der Schulen. – Wie reagieren bei akuter Personalnot? Wie Unterstützung organisieren bei besonderen sozialen Herausforderungen? Wie den Digitalpakt umsetzen? Wie Inklusion und DaZ-Unterricht organisieren? Was tun bei Diskriminierung? Eigenverantwortung! In der Wahrnehmung vieler Kollegien und Schulleitungen ist das immer dann die bevorzugte Antwort der Schulaufsicht, wenn krisenhafte Zustände ohne bedarfsgerechte Unterstützung bewältigt werden müssen.
Unter den Bedingungen von knappen Ressourcen führt eine Bildungspolitik, die bei Problemen maßgeblich auf die Eigenverantwortung der Schulen setzt, zu einer Zunahme der Ungleichheit zwischen den Schulen. Das bedeutet auch, dass die Lücke zwischen den Lernbedingungen der Schüler*innen immer weiter wächst. Das gilt auch während der Schulschließungen. Es gibt nach vier Wochen keine Orientierung, wie der Fernunterricht technisch und organisatorisch umgesetzt werden soll. Genauso fehlen Vorgaben und Mittel um Schüler*innen aus sozial schwachen Familien zu unterstützen. Hinweise zum Umgang mit dem Datenschutz unter den Bedingungen des Fernunterrichtes stehen ebenso aus.

An vielen Schulen wird auch mit einfachen Mitteln eine solide Betreuung gewährleistet
Die sehr unterschiedlichen Entwicklungsstände der Schulen in Sachsen wirken sich massiv auf die Qualität des Fernunterrichtes aus. Es gibt Lehrkräfte, die unterrichten trotz oder sogar wegen der Schulschließung begeistert, weil die guten (digitalen) Kommunikationswege im Kollegium und mit den Schüler*innen nun zum Tragen kommen und gemeinsam interessante neue Unterrichtserfahrungen durch Lernplattformen im Internet, Videokonferenzen, oder Padlets gesammelt werden können.
An vielen Schulen wird auch mit einfachen technischen Mitteln eine solide Betreuung gewährleistet. Hier werden Aufgaben für Tages- oder Wochenpläne regelmäßig erstellt und zu abgestimmten Terminen über die Homepage oder E-Mail-Verteiler kommuniziert. Telefonsprechstunden ermöglichen Eltern und Schüler*innen sich Rückmeldungen oder Hilfe zu holen. Für Eltern ohne Drucker oder Scanner können Arbeitsblätter in der Schule abgeholt oder zur Kontrolle abgegeben werden. Eine enge und vertrauensvolle Elternarbeit zahlt sich genau aus, wie die Orientierung auf selbstgesteuertes Lernen.

Versäumnisse in Bezug auf eine bedarfsgerechte Schulentwicklung betrifft nicht alle Familien gleich
Es gibt aber auch Kolleg*innen, die frustriert und isoliert zu Hause sitzen und immer noch keine dienstliche E-Mail-Adresse besitzen. Bei denen auch Wochen nach der Schließung im Kollegium keine Abstimmung über die Art und Weise des Hausunterrichtes stattgefunden hat. Und denen stattdessen sogar untersagt worden ist, die Schule zu betreten, um wenigstens den Schulkopierer zu nutzen, um die Aufgaben für den Postversand (auf eigene Kosten) vorzubereiten. Gab es in Schulen vor der Corona-Schließung keine gesicherten Kommunikationswege zu den Eltern und Schülern außerhalb des Klassenzimmers, so ist jetzt an eine Begleitung der Schüler*innen im häuslichen Lernen nicht zu denken.

Versäumnisse in Bezug auf eine bedarfsgerechte Schulentwicklung betrifft dabei nicht alle Familien gleich. Es gibt Familien, die mit Computern, Internet, Scanner und Drucker voll ausgestattet sind und die finanziellen Möglichkeiten haben, um die Defizite des staatlichen Fernunterrichtes durch private kostenpflichtige Lernplattformen und digitale Nachhilfeangebote auszugleichen. Wir wissen, dass es bildungsnahen und gutverdienenden Familien im Durchschnitt auch vor Corona besser gelang, Kinder zu Selbstorganisation zu erziehen und eine intrinsische Lernmotivation zu vermitteln.

Vor besonderen Schwierigkeiten stehen dagegen Alleinerziehende und Familien, denen der Bildungshintergrund oder die Sprachkenntnisse fehlen, um das Lernen zu Hause zu organisieren und zu begleiten. Familien, in den es keinen Raum und keine Ruhe zum Lernen gibt. Kinder, die allein zu Hause sind, weil Eltern nicht im Homeoffice arbeiten können und deren Kinder nicht zur Notbetreuung dürfen, weil der Beruf sich auf der Liste nicht wiederfindet. Hier wirken sich die Schulschließungen verheerend aus. Die Schere zwischen benachteiligten und privilegierten Kindern und Jugendlichen vergrößert sich nun noch schneller.

Für Schulschließungen und danach müssen verbindliche Maßnahmen getroffen werden
Eigenverantwortung der Schulen und Lehrkräfte sollte jetzt nicht wieder die maßgebliche Antwort des Kultusministeriums auf diese größer werdende Ungleichheit zwischen Lehr- und Lernbedingungen in Sachsen sein. Es wird kaum zu verhindern sein, dass Lernleistungen aus den Wochen der Schulschließungen in Bildungsempfehlungen und Prüfungsergebnisse einfließen. Aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen – sowohl der Schulen als auch der Familien – wird damit die Wahrung des verfassungsrechtlichen Gleichbehandlungsgebotes (Art. 3 Abs. 1 GG) für alle Schüler*innen weiter gefährdet.
Daher müssen sowohl für Phasen von Schulschließungen als auch für Zeiten danach seitens der Schulaufsicht verbindliche Maßnahmen getroffen werden, um vergleichbare Lernbedingungen herzustellen. Nach Umfragen vor Ort bei Kolleg*innen, Elternvertretungen, Sozialarbeiter*innen und Vereinen, könnte sich folgender Fahrplan für ein Unterstützungssystem anbieten:

  1. Notbetreuung für versetzungsgefährdete Schüler*innen sowie für Schüler*innen, bei denen Indizien für eine Gefährdungssituation bekannt sind
  2. Gewährleistung eines geregelten, abstandwahrenden Zuganges der Lehrkräfte zu den Schulen, um Aufgaben vorzubereiten und Telefonsprechstunden anzubieten.
  3. Ermöglichung des Postversandes von Aufgaben durch Lehrkräfte und Unterstützung durch die Schulsekretariate.
  4. Aufstockung der Mittel für die Anschaffung von Schullizenzen für ergänzende kostenpflichtige E-Learningangebote wie Bettermarks, Sofatutor, Onilo und andere.
  5. Schaffung einer zentralen Verfügbarkeit von Laptops zur Ausleihe in den medienpädagogischen Zentren (MPZ) oder an Schwerpunktschulen.
  6. Einrichtung von verbindlichen didaktischen und sozialpädagogischen Förderangeboten für Schulen mit besonderen Bedarfen nach Lockerung der Ausgangssperren.

In der GEW Sachsen arbeiten wir an einer Auswertung der von den Schulen gesammelten Erfahrungen. Über Berichte, Hinweise und Anregungen freuen wir uns daher sehr.