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Rezension

Wochenschau zu Geschlechterverhältnissen

„Geschlechterverhältnisse“ - ein aktuelles Thema – nicht nur in der Schule. Der Wochenschauverlag hat ein vielfältiges Heft vorgelegt, welches wir als AG LSBTI der GEW Sachsen einem kritischen Blick unterzogen haben.

Wochenschau. Geschlechterverhältnisse. 71. Jahrgang. Themenheft Nr. 2/2020, Sek. I; Wochenschau Verlag (Hrsg.); Michal Schwartze, Susanne. 26 Seiten. ISSN 2190-3611. Bestellnummer 1220. € 17,90 (Heftpreis im Einzelbezug) 

Überblick über Inhalte und Zielgruppe 

In diesem Wochenschauheft wird das Thema „Geschlechterverhältnisse“ auf drei verschiedenen Ebenen betrachtet: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt, Geschlecht und Politik sowie Geschlecht und Wirtschaft.  

Die Zielgruppe sind Lernende im Bereich Sek. I. Empfehlen würden wir den Einsatz des Heftes ab Klasse 9. Aufgrund der inhaltlichen Breite lässt das Thema auch in Zusammenarbeit mit anderen Fächern, wie Ethik oder Wirtschaft, einsetzen.  

 

Überblick über Konzept, Gestaltung und Aufbau (Texte, Materialien sowie Methoden- und Arbeitsvorschläge) 

Die drei Abschnitte können voneinander unabhängig und einzeln im Unterricht behandelt werden, aber es empfiehlt sich, das Heft in seiner gesamten Breite zu nutzen, damit die Lernenden die Tiefe des Themas „Geschlechterverhältnisse“ ansatzweise kennenlernen. 

Die Schüler*innen werden bei den Aufgaben direkt angesprochen. Die Auswahl der zu bearbeiteten Materialien (vor allem Text- und Bildmaterial) erfolgte zielgruppengerecht und abwechslungsreich. Beispielsweise wird der Einstieg mit Stickern bewerkstelligt. Sticker kennen (und mögen) die meisten Lernenden. Das interessiert sie und das werden sie sich ansehen und über die enthaltenen Botschaften nachdenken.  

Bei einer anderen Aufgabe stellen sich uns jedoch Fragen: Wir wissen nicht, wie die Toilettenräume gestaltet sind (S.4, Aufgabe 2). Hier soll nachgedacht werden, warum die Türen so markiert wurden. Und warum “[s]ollte es an eurer Schule [nur] eine zusätzliche Toilette für vielfältige Geschlechter geben (Aufgabe 5)? 

Einmal gilt es sich ein Video von maiLab anzusehen und auszuwerten. Aufgrund der Vertrautheit mit der Protagonistin wird hier sicherlich die Bereitschaft, diese Aufgabe zu meistern, vorhanden sein. 

Manche Aufgabenstellungen stellen an die Schüler*innen große Herausforderungen, da eventuell das nötige Vorwissen fehlt. Beispielsweise erscheint Aufgabe 2 der zweiten Auswertungsphase des Forschungsprojekts (S. 8) theoretisch etwas sehr weit hergeholt. Jedoch kann es auch sein, dass in der praktischen Arbeit diese Aufgabe durchaus klar und verständlich für die Lernenden ist. Die Beispiele zum Nicht-Sein auf S.8, Auswertung 2, Aufgabe 2 erscheinen uns sogar kontraproduktiv: “Ich bin nicht rothaarig... behindert... intersexuell.” 

 

Bei der Bildanalyse (S. 14) ist es sehr wichtig, die genannten Onlineplattformen in die Bildbeschreibung und -auswertung einzubauen, da hier u.a. auf die „Demo für Alle“ Bezug genommen wird und den Lernenden nötige Informationen vermutlich fehlen, um diese Fotografien korrekt einzuordnen. 

Bei manchen Aufgaben kann es sein, dass die Diskussion, je nach Lebensumfeld und Erfahrungsschatz der Lernenden, sehr ausschweifend wird. Genannt sei hier Aufgabe 3, S. 5, „Welche Beispiele aus eurem Alltag […] fallen euch dazu ein …?“ Hier ist es durchaus möglich, dass viele Menschen viele Beispiel finden, dass vielleicht auch eine lernende Person ein spontanes Zwangsouting erfährt (Gefahrenpunkt!), aber eben auch viele ihren eigenen Horizont erweitern werden, dass sie ggf. noch nie über geschlechtliche Vielfalt nachgedacht haben. Da die Sichtbarkeit von Vielfalt heutzutage deutlich zugenommen hat, ist definitiv mit einer längeren Debatte zu rechnen, was dem Ganzen jedoch auch förderlich sein kann. 

Es werden, wie für Wochenschauhefte üblich, verschiedene Methoden vorgestellt und umgesetzt, was eindeutig für die Abwechslung im Unterrichtsablauf spricht. So werden ein kleines Forschungsprojekt über die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, eine Bildanalyse und eine Analyse von Wahlplakaten in Bezug auf rechte Ideologien und Antifeminismus, Rassismus und Sexismus vorgestellt. Außerdem enthält das Heft zwei Vorlagen von Arbeitsblättern: einmal für einen Argumentationsbogen für eine Videoanalyse und einmal für die Erarbeitung von Tätigkeiten in der 4-in-1-Perspektive. 

Zum Heft selbst werden in der Beilage viele methodische und didaktische Hinweise gegeben, die die Lehrenden sich vor dem Einsatz des Heftes im Unterricht durcharbeiten sollten. 

 

Betroffenenperspektive 

Die Perspektive eines „Betroffenen“ findet man im Beitrag von Paul Sattler (S. 7), da er als offen schwuler Mann über sein eigenes Leben reflektiert und die Situation der Frau in der Politik von Frau Professorin Silke Laskowski (S. 13) dargelegt wird. Auch im Bereich der Care-Arbeit sind die meisten Beiträge aus weiblicher Perspektive formuliert, was zugleich den Beschäftigungsstatistiken in diesem Bereich entspricht.  

Die männliche Dominanz im Feld der Politik (S. 10f.), speziell in der Vertretungsverteilung in deutschen und internationalen Gremien, wird sehr gut umgesetzt. Neben Bildern gibt es hierzu Grafiken und eine knappe Zusammenstellung von Gründen, die diese Umstände genauer beleuchten 

Die Bezeichnung „Transsexuelle Menschen“ (S. 5) wird nicht zu 100% korrekt definiert, da sich im Laufe des Lebens nicht nur das Geschlecht ändern kann, sondern es bereits mit der Geburt uneindeutig sein kann. 

Die Abschlussformulierung im gleichen Abschnitt (Biologisches Geschlecht, S. 5): „Das allermeiste haben sie jedoch gemeinsam“ ist etwas schwammig und hätte noch konkreter sein können/sollen. 

 

Fazit 

Das Heft ermöglicht einen Einstieg in das große Thema „Geschlechterverhältnisse“. Für eine unterrichtliche Betrachtung kann es eine gute Grundlage bieten, damit die Inhalte vielfältig und einprägsam bearbeitet werden. Teilweise fallen sprachliche Unkorrektheiten dem Lesenden auf: “Bespreche...” statt “Besprich...” (S.4, Aufgabe 4). Besser wäre durchgängig alle Arbeitsanweisungen im Imperativ Plural zu formulieren. Die Worterklärung im Text “Vollblut-Misogyn” (S.7) hätte substantivisch als “Frauenfeind” erfolgen müssen. “Trivial” (S.9) auf einer Seite kurz hintereinander kontextgerecht Z. 8 als “unbedeutend” zu erklären und auf Z. 28 als “normal” statt “einfach” schmerzt. 

Der Eingangsbezug “divers” wird bedauerlicherweise nicht inhaltlich vertieft, geschweige denn in weitere Überlegungen einbezogen. Der Begriff “Heteronormativität” fällt nicht in dieser Publikation, aber gerade dieser “Norm” unterliegen die Betrachtungen der Rollen von Männern und Frauen in Politik und Wirtschaft. Wie sehr neues Denken im Umgang mit Geschlecht und Sexualität vonnöten ist, zeigt auch, dass auf “Bisexualität” nicht eingegangen wird.