GEW Sachsen
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Sachsen braucht ein größeres und erfolgreicheres Maßnahmenpaket, das viele Themen bearbeitet, dem Lehrermangel tatsächlich begegnet und positive Signale sendet

30.01.2018

Brief der Vorsitzenden Uschi Kruse: Die Verbeamtung ist inzwischen so sehr zur Machtfrage geworden, dass sie ein Erfolg werden MUSS. Dies organisieren und garantieren aber die Lehrkräfte und Schulleitungen. Mit dem Hinweis auf höhere Einkommen werden ihn nicht nur die Politiker, sondern auch die Eltern erwarten. Mit den geplanten Maßnahmen ab 2019 würden die Einkommen vieler Lehrkräfte jedoch nicht nur besser, sondern gleichzeitig und dauerhaft ungerechter denn je. Für die gleiche Arbeit würden die Einkommensunterschiede in einem Lehrerzimmer absurd groß, weil Lehrer*innen zwischen E 9 und A 14 bezahlt werden würden. Die Lehrkräfte jedoch, die weder verbeamtet noch „befördert“ werden, müssen sich ein weiteres Mal und noch stärker benachteiligt fühlen. Für uns alle - ob lange im Dienst oder Berufsanfänger*innen - sind die Rahmenbedingungen wichtig, unter denen Kinder bzw. Jugendliche lernen und Lehrer*innen arbeiten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

derzeit erhalte ich viele E- Mails zum Thema „Verbeamtung“. Ich komme nicht dazu, alle angemessen zu beantworten - dafür bitte ich um Verständnis.

Die Positionen, die mich (zum Teil anonym) erreichen, gehen von

„Ich kann nicht nachvollziehen, dass Sie den Verbeamtungsplänen der CDU ablehnend gegenüber stehen. Das ist ein langer überfälliger Schritt zum Nutzen der Lehrer, deren Interessen Sie vertreten sollen. Ihre Haltung dient nicht diesem Nutzen, sondern lediglich der eigenen Zukunftssicherung.“

bis zu

„Wir hoffen sehr, dass die GEW die Verbeamtung verhindert. Sonst muss unbedingt etwas geschehen. Wir sind streikbereit und bereit, nur noch Dienst nach Vorschrift zu leisten…“

 

Zum gegenwärtigen Stand einige Anmerkungen:

  1. Die GEW lässt nichts unversucht, um auf die Debatte zur Deckung des Lehrerbedarfes in Sachsen Einfluss zu nehmen. Wir führen zahlreiche Gespräche, schreiben Argumentationspapiere und geben fast täglich Interviews, die nicht immer umfassend wiedergegeben werden. Vor allem aber haben wir unsere Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft mehrfach signalisiert, weil wir nur auf diesem Weg unsere Bedenken und unsere Vorschläge direkt vortragen können. Bisher wollen Kultus- und Finanzministerium allerdings nicht verhandeln, sondern verordnen. Sie schlagen mit diesem Vorgehen nicht nur unsere ausgestreckte Hand, sondern auch unseren Sachverstand bei Entscheidungen aus, die langfristige Wirkung auf die Schulen und für unsere Mitglieder haben werden.
     
  1. Egal wie man zur Verbeamtung steht - die Probleme sind so groß, dass sie sich nicht nur durch eine Maßnahme lösen lassen. Ein Beispiel: In diesem Jahr scheiden in Sachsen ca. 450 Oberschullehrer*innen aus. Nicht einmal jede*r zehnte wird von einer für diese Schulart speziell ausgebildeten Lehrkraft ersetzt werden können! Gebraucht wird also ein nunmehr größeres und erfolgreicheres Maßnahmenpaket, das viele Themen bearbeitet, dem Lehrermangel tatsächlich begegnet und positive Signale sendet.

    Wie weiter mit dem zunehmenden Auseinanderdriften der Schularten? Wie weiter mit regionalen Problemen, wie weiter mit Schulen, die besondere Herausforderungen zu bewältigen haben? Wie weiter mit dem fächerspezifischen Bedarf, mit der Lehrerausbildung, mit der Lehrerarbeitszeit? Wie weiter mit Entlastungen als Bedingung für Vollzeit, mit dem Halten der älteren Kolleginnen und Kollegen, mit der Notwendigkeit von Assistenzkräften, der Würdigung von Klassen- und Gruppenleitung, dem Seiteneinstieg, der Gesunderhaltung usw., usf. - all diese und weitere Fragen werden nicht beantwortet.

    Die Verbeamtung ist inzwischen so sehr zur Machtfrage geworden, dass sie ein Erfolg werden MUSS. Dass die Lehrkräfte und Schulleitungen diesen Erfolg organisieren und garantieren sollen, versteht sich von selbst. Mit dem Hinweis auf höhere Einkommen werden ihn nicht nur die Politiker, sondern auch die Eltern erwarten.
  1. Geplant sind ab dem 01.01.2019:
  • die (zunächst zeitweilige) Verbeamtung von Lehrkräften bis zum 42. Lebensjahr,
  • die Schaffung von funktionslosen Beförderungsämtern im Umfang von 40 % der Stellen,
  • die bessere Besoldung/ Vergütung von Lehrkräften an Grundschulen (A 13/ E 13).

Die Einkommen vieler Lehrkräfte würden dadurch natürlich besser. Sie würden allerdings gleichzeitig und dauerhaft ungerechter denn je. Für die gleiche Arbeit würden die Einkommensunterschiede in einem Lehrerzimmer absurd groß, weil Lehrer*innen zwischen E 11 ( z.T. sogar nur E 9 ) und A 14 bezahlt werden würden.

Mit der Verleihung eines funktionslosen Beförderungsamtes wird die Nettolücke natürlich nicht geschlossen. Selbst Lehrer*innen, die man in einem als ungerecht und entwürdigend empfundenen Beurteilungsverfahren auswählt und später höhergruppiert, werden nicht den Eindruck haben, dass der Gewinn von ca. 350 € brutto monatlich einen Ausgleich schafft.

Die Lehrkräfte jedoch, die weder verbeamtet noch „befördert“ werden, müssen sich ein weiteres Mal und noch stärker benachteiligt fühlen. Das wird in allen Schularten - mit Ausnahme der Grundschule - zunächst auf die Mehrheit der Beschäftigten zutreffen. Besonders bei den Gruppen, für die man trotz all unserer Initiativen keine Lösung finden wollte (z.B. Ein-Fach-Diplomlehrer*innen, Lehrer*innen mit „Nach-Wende-Qualifikationen“, Fachlehrer,  Lehrkräfte, denen zeitweilig eine höherwertige Tätigkeit übertragen wird), wird keine Zufriedenheit einkehren.

 

  1. Wir haben uns sehr für die Anhebung der Vergütung der Lehrkräfte an Grundschulen stark gemacht - aber eben nicht isoliert. Dass sich z.B. 42-jährige Lehrkräfte nicht nur an Grund-, sondern auch an den weiterführenden Schularten wenig wertgeschätzt fühlen, wenn sie beim Nettoeinkommen durch ihre verbeamteten Kollegen überholt werden, liegt auf der Hand.

    Positiv ist, dass inzwischen auch die bessere Vergütung der Lehrer*innen unterer Klassen Konsens zu sein scheint. Lediglich der Weg ist noch strittig. Ob und inwieweit dabei auch Erzieher*innen bzw. Freundschaftspionierleiter*innen mit Lehrbefähigung Berücksichtigung finden, ist derzeit noch unbekannt.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir haben uns seit Jahren aktiv für einen gelingenden Generationenwechsel in den sächsischen Schulen eingesetzt. Dass attraktivere Einkommen wichtig sind, brauche ich nicht zu betonen - wir haben dafür immer wieder gestritten und gestreikt. Dabei ist uns nicht alles gelungen, aber gemeinsam mehr als wir auf den ersten Blick wahrnehmen. Auch deshalb wollen wir keinen Konflikt zwischen älteren und jüngeren Lehrer*innen, sondern deren Miteinander. Für uns alle - ob lange im Dienst oder Berufsanfänger*innen - sind die Rahmenbedingungen wichtig, unter denen Kinder bzw. Jugendliche lernen und Lehrer*innen arbeiten.

Es gibt junge Kolleg*innen, die verbeamtet werden möchten, andere lehnen die Verbeamtung ab. Keine*r signalisiert Interesse daran, in übergroßen Klassen zu unterrichten, leichter versetzt zu werden oder in einem Kollegium isoliert zu sein, weil die anderen Lehrer*innen schlechter bezahlt werden. Falls sich die Verbeamtung durchsetzen sollte, wollen auch junge Kolleg*innen in Tarifrunden nicht zusehen, was die „Nichtbeamten“ für sie erringen, sondern mittun. Vor dem Bundesverfassungsgericht kämpft die GEW für dieses Streikrecht, denn selbstverständlich vertritt sie auch die Interessen von Beamt*innen - dort wo es sie gibt - engagiert.

Uns geht es also nicht darum, die Verbeamtung und damit höhere Einkommen für junge Lehrer*innen zu verhindern. Uns geht es darum, die Attraktivität des Lehrerberufes in Sachsen für alle zu erhöhen - ohne drastische Ungerechtigkeiten, ohne neue Verwerfungen und ohne die damit verbundene Demotivierung. Vorschläge dazu hat unsere Tarifkommission erarbeitet. Wir sind überzeugt, dass sie dazu beitragen können, gerade in schwierigen Zeiten die Kollegien zu einen und nicht zu spalten.

Der neue Ministerpräsident will in seiner morgigen Regierungserklärung dem Thema Bildung größere Bedeutung verleihen. Ob sich daraus Gespräche ergeben, die sowohl von der mitregierenden SPD, als auch von der Fraktion DIE LINKE gefordert werden, wissen wir derzeit noch nicht. Was wir wissen ist, dass bei anderen Lehrerorganisationen nach den falschen Versprechungen (Nettolohnausgleich) nun die seltsamen Argumente im Zusammenhang mit dem Thema Verbeamtung Konjunktur haben. „Entscheidung über die Versetzung, die Durchführung von Prüfungen und die Vergabe von Abschlüssen“ sollen neuerdings tatsächlich „hoheitliche Aufgaben“ sein, die den Beamtenstatus erfordern.

Der Landesvorstand der GEW und die Tarifkommission werden in den nächsten Tagen zusammenkommen, um die aktuelle Situation weiter zu beraten.

Herzliche Grüße

Eure Uschi Kruse, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen

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