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Lehrer*innenmangelOberschule – Schule in Not!

Die Schulart Oberschule ist das von politischer Seite erklärte Kernstück des sächsischen Schulsystems. Nun könnte man erwarten, dass das Kernstück eines Systems besonders gepflegt, gefördert und weiterentwickelt wird. Dazu fand und findet man zahlreiche Absichtserklärungen der politisch Verantwortlichen, so zum Beispiel auch im Sondierungspapier der Kenia-Koalitionäre.

01.12.2019 - Jens Risse, Stellv. Landesvorsitzender (E&W Sachsen Ausgabe 12/2019)

Der Blick in unsere Oberschulen vermittelt da ein anderes Bild. Die Oberschulen sind die Schulen, die unter dem Personalmangel am meisten leiden. Hier steht die Frage nach Bildungsgerechtigkeit für unsere Schüler*innen am deutlichsten. Längst sind die Oberschulen in den ländlichen Räumen, und nicht nur die, bezüglich Personalausstattung abgehängt. Bildungsgerechtigkeit darf keine Frage des Wohnortes sein!

An den Oberschulen ist:

  • die Quote der Lehrkräfte mit schulartfremden Abschlüssen am höchsten,
  • fachgerechter Einsatz der Lehrkräfte eher die Ausnahme als die Regel,
  • der Anteil der nichtbesetzten Stellen am höchsten,
  • die Quote der Seiteneinsteiger*innen am höchsten.

Der Anteil der Lehramtsabsolventen sächsischer Hochschulen ist im Lehramt Oberschule/Mittelschule am geringsten.
Hier rächen sich die Sparpolitik der CDU-geführten Landesregierungen der letzten 30 Jahre und die verfehlte sächsische Personalpolitik am härtesten. Das Umsteuern der letzten Monate führt nicht zu spürbaren Effekten. Das Image der Oberschulen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist einfach zu stark beschädigt.
 
Die Oberschulen sind die Schulen des Systems, die die Hauptlast von Inklusion, Integration und Migration tragen. Die Arbeitsverdichtung durch neue Aufgaben ist hier am stärksten. Das führt bei den Lehrkräften an diesen Schulen im Zusammenhang mit der Personalnotlage zum Zustand der dauerhaften Überbelastung.
Nur dem überdurchschnittlich hohen Engagement der Lehrer*innen ist es zu verdanken, dass diese Schulen überhaupt noch funktionieren. Aber hier ist ein Limit erreicht und überschritten!
Da hilft auch eine Wertschätzungsoffensive herzlich wenig. Erst recht, wenn diese Initiative Monate oder gar Jahre braucht, um anzulaufen. Der Lehrer-Hauptpersonalrat ist seit gefühlten Ewigkeiten dazu mit dem Kultusministerium befasst. Greifbare Ergebnisse gibt es nicht. Inzwischen stellt sich die Frage, ob diese Offensive überhaupt ernst gemeint oder nur Teil des Wahlkampfes war. Und Wertschätzung funktioniert nicht nur mit Geld.
Dazu gehört auch der Umgang mit Bewerbern im Einstellungsverfahren.
Dazu gehören auch so einfache Dinge wie die fristgerechte Bearbeitung von Anträgen oder Anfragen der Lehrer*innen an das LaSuB oder die Erstattung von ausgelegten Reisekosten in einer zumutbaren Frist.
Dazu gehört besonders die Bereitstellung von echten Ressourcen zur Einarbeitung von Seiteneinsteiger*innen und schulartfremden Lehrkräften.
Und dazu gehört noch viel mehr!

Wertschätzend wäre es auch gewesen, wenn nicht gerade der sächsische Finanzminister in der letzten Ländertarifrunde als Bremser aufgetreten wäre und mit dafür gesorgt hätte, dass die stufengleiche Höhergruppierung im Länderbereich nicht geregelt wurde. Und das, obwohl genau diese stufengleiche Höhergruppierung im Bereich des Bundes und der Kommunen inzwischen Tarifrecht ist.
Die Situation ist so stark problembelastet, dass es die eine einfache Lösung nicht gibt. Die bedarfsgerechte Personalausstattung wird nicht von heute auf morgen zu leisten sein. Deshalb bedarf es kurz- und mittelfristiger mutiger Schritte. Und das sicher nicht nur an den Oberschulen!
Die Klassenlehrer*innen brauchen dringend mehr Zeit. Sie brauchen für den Anfang eine Stunde Anrechnung für ihre Aufgaben. Die GEW Sachsen fordert die Einführung von Klassenleiterstunden an allen Schularten! Die Lehrer*innen sind endlich und sofort zu entlasten, und das nicht nur symbolisch!
Die Schulen an sozialen Brennpunkten benötigen eine besonders gute Personalausstattung. Die GEW Sachsen fordert einen Sozialindex! Die Schulsozialarbeit muss verstetigt werden! Große Schulen brauchen mehr als eine Sozialarbeiter*in. Sozialarbeiter*innen brauchen verlässliche Arbeitsbedingungen!
Die Ausstattung des Systems mit Schulpsycholog*innen muss dringend deutlich verbessert werden! Die Schulleitungen müssen entlastet werden, sie haben immer weniger Zeit für ihre Kernaufgaben. Die Programme für Schulassistent*innen müssen entfristet und flächendeckend ausgebaut werden.

Die Lehrer*innen brauchen dringend Zugang zu Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, die sie wirklich in ihrer täglichen Arbeit bestärken und auf Herausforderungen vorbereiten. Digitalisierung endet nicht mit dem Aufhängen von Whiteboards und dem Verteilen von Tablets.

Ich schreibe diesen Artikel während der Koalitionsverhandlungen in Sachsen. Ich fordere die Koalitionäre auf, die Notlage der sächsischen Schulen, insbesondere die der Oberschulen, endlich ernst zu nehmen! Sorgen Sie für Perspektiven einer bedarfsgerechten personellen Ausstattung unserer Schulen! Denken Sie besonders an die Schulen in sozialen Brennpunkten! Modernisieren Sie endlich die Lehrer*innen-Ausbildung!

Und sorgen sie vor allem dafür, dass die Schulen im ländlichen Raum nicht noch weiter abgehängt werden! Gerade hier sind viele finanzschwache Kommunen mit ihrer Aufgabe als Schulträger hoch belastet. Sorgen Sie für die Wiederherstellung der Bildungsgerechtigkeit für unsere Schüler*innen!

Jens Risse
Stellv. Landesvorsitzender

 

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