GEW Sachsen
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MitgliederinfoKeine Feierstimmung zum Tag der Kinderbetreuung

Der Montag nach Muttertag ist jährlich der Tag der Kinderbetreuung. Wir wollen uns bei allen Kolleg*innen für ihre wichtige Arbeit bedanken! Nach Feiern ist uns leider jedoch nicht zu Mute.

11.05.2020

Üblicherweise bedanken wir uns am Tag der Kinderbetreuung mit kleinen Präsenten an Einrichtungen und einem öffentlichen Video. Die Arbeit von Erzieher*innen und Kindertagespflegepersonen bedarf natürlich nicht nur einmal im Jahr der intensiven Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Gerade in diesen Zeit wird klar, was sonst von der Öffentlichkeit nicht immer so wahrgenommen wird und warum wir diesen Tag sonst feiern: Eure Arbeit ist zentral für unsere Gesellschaft, sie ist anstrengend und bedarf deutlich besserer Rahmenbedingungen. Dafür möchten wir auch in diesem Jahr DANKE sagen.

Doch seit Freitag herrscht bei uns keine Stimmung zum Feiern. Kitas und Grundschulen sollen am 18. Mai wieder ganz öffnen. Dies wurde ohne Beteiligung der Beschäftigten und ohne ausreichend Planungsvorlauf festgelegt. Aktuell arbeiten wir bereits an den nächsten Schritten. Nicht alles ist öffentlich, doch wir werden in den kommenden Tagen das Thema immer wieder aufrufen und auch um eure Beteiligung bitten. Hier zunächst die heutige Mitgliederinfo von Uschi Kruse mit einer Einordnung:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in einer unserer „Online- Schublade“ liegt ein fertiggestelltes Video mit freundlichen Grüßen zum Tag der Kinderbetreuung, das wir vor der Pressekonferenz des sächsischen Kultusministers fertiggestellt hatten. Nachdem dieser am vergangenen Freitag gegen 13 Uhr einer erstaunten Öffentlichkeit die Entscheidungen des Landes Sachsen zur Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen vorgestellt hat, gab es zwar noch dieselben guten Gründe den pädagogischen Fachkräften für ihre engagierte Arbeit zu danken, manche*r von euch und die politische Öffentlichkeit wären allerdings irritiert gewesen, dass die GEW Sachsen in einem Auftritt auf die neuen Pläne nicht kritisch eingeht.

Um es vorweg deutlich zu sagen: 

Die GEW Sachsen war in keiner Weise einbezogen. Auch uns hat die Entscheidung, Kindertageseinrichtungen und Grundschulen bzw. die Primarstufe der Förderschule wiederzueröffnen, völlig überrascht. Am 6. Mai hatten Bundesregierung und Ministerpräsidenten die „stufenweise Erweiterung der Notbetreuung“ in den Kindertageseinrichtungen und die „schrittweise… Beschulung aller Schüler unter Durchführung entsprechender Hygienemaßnahmen bzw. Einhaltung von Abstandsregeln“ beschlossen. Nur zwei Tage später verabschiedete sich Sachsen von diesem vorsichtigen Vorgehen. Ab dem 18. Mai sollen die Kindertageseinrichtungen, die Grundschulen und die Primarstufe der Förderschulen nun wieder geöffnet werden. Statt der Organisation von Abständen und kleineren Gruppen wird in unserem Bundesland nun auf feste Gruppen gesetzt, in denen sich mögliche Infektionen besser nachverfolgen lassen.

Wir wollen und können kein Urteil darüber fällen, ob Kinder Träger der Corona-Infektion sein können oder nicht. Wir nehmen allerdings wahr, dass Wissenschaftler sich diesbezüglich uneins sind. Wir wollen und können kein Urteil darüber fällen, ob feste Gruppen die bessere Alternative sind. Wir nehmen allerdings wahr, dass sich 15 Bundesländer an Abstandsregelungen orientieren, dass auch die Beschlüsse der Bundesregierung auf diesen basieren und dass deren Empfehlungen in Sachsen nun weitestgehend über Bord geworfen werden.

Sicherlich wird es an der einen oder anderen Einrichtung erreichbar sein, durchgängig für feste Gruppen zu sorgen, die Kinderzahl durch das Mittun der Eltern in einer überschaubaren Größe zu halten und das Betreuungs- bzw. Unterrichtsangebot so zu reduzieren, dass auch der Schutz der Beschäftigten durchgängig gewährleistet ist.

In den meisten Einrichtungen wäre das aber kaum möglich. Vielerorts würde bei Umsetzung der Pläne mehr Personal erforderlich sein als vor der Pandemie vorhanden war. Vielerorts würden sich verringerte Angebote wegen des verbrieften Anspruchs der Eltern oder wegen der Schülerbeförderung kaum umsetzen lassen, vielerorts fehlen die personellen Kapazitäten, um die häufigeren Reinigungen realisieren zu können und gerade für kleine Kinder stellt die Umstellung auf eine neu zusammengesetzte Gruppe und ggf. neue Bezugspädagog*innen nach der langen Zeit zu Hause eine zusätzliche Herausforderung dar. All das und vieles mehr hätte man erfahren können, wenn Praktiker an der Entscheidung beteiligt gewesen wären.

Nun soll auf die Einrichtungen ein Großteil Verantwortung übertragen werden. Damit würden Leitungen von Kindertageseinrichtungen bzw. von Grund- und Förderschulen in den Zwiespalt zwischen der Wahrung der Gesundheit der Beschäftigten und der Umsetzung der Anordnungen zum Kita- bzw. Schulbesuch von Kindern geraten. Mit Fürsorge für die Beschäftigten und insbesondere mit dem Schutz von Risikogruppen sowie mit der Umsetzung aktueller Arbeitsschutzstandards hat die Entscheidung des Kultusministeriums nicht das Geringste zu tun. 

Natürlich kennen auch wir den Wunsch nach schnellstmöglicher Rückkehr zur Normalität. Kinder sollten unbeschwert miteinander lernen und lachen dürfen. Auch wir wünschen uns für manches Kind den Schutz einer Kita oder Schule und die professionelle Unterstützung durch Erzieher*innen oder Lehrkräfte. Wir wollen weder gute Bildung verhindern noch Panik machen. Wir halten es aber für falsch, den Schutz der Beschäftigten aus dem Auge zu verlieren und Eltern Verlässlichkeit zu garantieren, die durch die Einrichtungen beim besten Willen nicht gewährleistet werden kann.

Dafür, dass die GEW am Wochenende nicht über geeignete Maßnahmen diskutieren konnte, bitte ich um Verständnis. Der Geschäftsführende Vorstand der GEW wird sich heute zu einer Beratung zusammenschalten, in die wir auch die Entscheidungen für die weiterführenden Schulen einbeziehen werden. Ich bin mir sicher: Der Schutz der Beschäftigten in Bildungseinrichtungen ist für die GEW Sachsen nicht verhandelbar!

Mit herzlichen Grüßen
Eure Uschi Kruse