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SchuleIst der Spitzenreiter spitze?

Sachsen nimmt in Ländervergleichen der Bildungssysteme immer wieder Spitzenplätze ein. Der 3. Dresdner Bildungsbericht warnt nun vor wachsender Ungleichheit an Schulen. Das Kollegium einer Grundschule im Dresdner Plattenbauviertel Gorbitz macht Vorschläge für wirksame Unterstützungen von Schulen mit schwierigem sozialen Umfeld.

01.04.2020 - Juri Haas, Mitglied im LHPR, FG Grundschulen - (E&W Sachsen Ausgabe 04/2020)

„Sachsen hat nicht nur das leistungsfähigste Bildungssystem in Deutschland, sondern auch das sozial gerechteste“ (SMK-Blog vom 15.08.2019) – so stolz war Christian Piwarz, als Sachsen im August 2019 als Spitzenreiter des Bildungsmonitors der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) vorgestellt wurde. Meldungen über die Spitzenposition des sächsischen Bildungssystems dürften gerade in diesen Zeiten besonders willkommen sein. Denn die Kritik der Lehrkräfte an zunehmender Arbeitsverdichtung, erhöhtem Krankenstand, Ausfall und der unterschiedlichen Bezahlung von Beamten und Angestellten nimmt nicht ab.
 
Sächsische Schulen mit Wettbewerbsvorteil
Trotz allem stand Sachsen aber 2019 im Bildungsmonitor wieder an der Spitze. Vor allem, weil besonders viele Kinder in Kindergärten und Grundschulen ganztags betreut werden. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung gilt als eine besonders erfolgreiche Strategie im Kampf gegen Bildungsarmut. Weiterhin wurde gelobt, dass in den Bildungstrend-Untersuchungen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Sachsen nur wenige Schüler*innen die Mindeststandards in Mathe oder Lesen verpasst hätten. Nicht erwähnt hat Christian Piwarz allerdings, dass bei dem Länderwettbewerb um eingehaltene Mindestkompetenzen die sozialen Ausgangslagen keine Rolle spielen.
 
Der Nationale Bildungsbericht von 2018 war hinsichtlich Sachsens zu dem Schluss gekommen, dass „sich Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, geringen Kompetenzen, niedrigem Sozialstatus sowie Bildungshintergrund der Eltern gleichmäßiger als in anderen Ländern auf die einzelnen Schulstandorte verteilen“ (vgl. Bildungsbericht 2018, S. 31). Gerade in Bezug auf die sprachliche Integration migrierter Schüler*innen unterscheidet sich Sachsen sehr von anderen Bundesländern. Der Schüleranteil mit Migrationshintergrund lag in Sachsen im Schuljahr 2017/18 bei 8,9 %, während er im Bundesdurchschnitt dreimal so hoch ist. Zwar seien auch in Sachsen die sozialen Ausgangslagen in Bezug auf die sozioökonomische Herkunft und die Bildungsabschlüsse der Eltern an Oberschulen und Gymnasien sehr ungleich verteilt. Jedoch seien auch die Schulen mit den ungünstigsten sozialen Ausgangslagen in einer deutlich besseren Lage als die Risikoschulen in den Bundesländern, die regelmäßig als Verlierer der Bildungswettbewerbe erscheinen (vgl. Bildungsbericht 2018, S. 29 ff).

Städtischer Bildungsbericht legt starke Ungleichheiten offen
Der am 17. Januar 2020 vorgestellte 3. Dresdner Bildungsbericht zeigt nun aber, dass trotz dieser im Bundesvergleich weniger herausfordernden Bildungssituation Sachsens, einzelne Schulen mit starken sozialen Problemen konfrontiert sind. In der Studie wurden die Dresdner Stadtviertel entsprechend der sozialen Belastung fünf Entwicklungsräumen (ER) zugeordnet. Die Plattenbauviertel Gorbitz, Prohlis, Reick und Leuben gehören zum ER 1.
Hier liegt die Arbeitslosenquote mit zehn bis 15 Prozent doppelt so hoch wie im Rest der Stadt und circa 25 Prozent der Einwohner beziehen Leistungen nach SGB II (Harz IV). Im ER 5, der Gruppe von Stadtteilen mit der geringsten sozialen Belastung (z. B. Weißer Hirsch, Blasewitz oder Weixdorf), beziehen dagegen weniger als fünf Prozent der Einwohner*innen Sozialleistungen.
 
Sonderpädagogischen Förderbedarf teilweise bis zu dreizehnmal höher
Im ER 1 wies im Untersuchungszeitraum fast die Hälfte der untersuchten Kinder eine mindestens beobachtungswürdige Entwicklungsauffälligkeit auf, in den ER 4 und 5 traf dies nur auf etwa ein Fünftel der Kinder zu. Markant ist auch der Unterschied der Entwicklungsräume in Bezug auf die Grundschulempfehlungen. Während im ER 5 rund 94 Prozent aller untersuchten Kinder eine Grundschulempfehlung erhielten, waren es im ER 1 nur 78 Prozent. Zudem waren im ER 1 die Schulempfehlungen für sonderpädagogischen Förderbedarf um dreizehnmal höher als im ER 5 und die für eine Rückstellung zweimal so hoch wie im ER 5.
Große Differenzen gab es auch bei den Schulabschlüssen. Während in Blasewitz oder Weixdorf nur ein bis zwei Prozent der Jugendlichen an der Schule scheitern, erreichen in Gorbitz oder Prohlis 15 bis 20 Prozent keinen Hauptschulabschluss. Im Dresdner Durchschnitt sind fünf Prozent der Schüler*innen betroffen, in Sachsen acht Prozent. Auch die Zahlen in Bezug auf die Bildungsempfehlungen spiegeln die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen in den Stadtteilen wider: Im Durchschnitt erhalten in Dresden circa 60 Prozent der Grundschüler*innen eine Gymnasialempfehlung. In Gorbitz wird circa 30 Prozent, in Blasewitz oder Loschwitz circa. 80 Prozent der Kinder empfohlen, den Bildungsweg auf dem Gymnasium fortzusetzen.
Der 3. Dresdner Bildungsbericht zeigt, dass die in der Vergangenheit von Lehrkräften und Schulleitungen immer wieder angezeigten sozialen Probleme einzelner Schulen weder selbstverschuldet noch eingebildet waren. Die Reaktionen aus dem Kultusministerium und dem Landesamt waren meist abweisend gewesen, wenn Forderungen nach einem Sozialindex für sächsische Schulen gestellt wurden (vgl. SZ vom 17.02.2018 zur 102 GS. „Ohne Kampf geht gar nichts“). Der Tenor war stets, dass es an allen Schulen Probleme geben würde und daher auch alle gleichbehandelt werden würden. Erst mit der Einführung des Programms Schulassistenz 2019 wurden besondere Herausforderungen von Schulen vorsichtig anerkannt.

Kollegium lädt SMK, LASUB und Stadt zum Werkstattgespräch ein
Das Kollegium der 135. Grundschule in Dresden-Gorbitz hat sich nun mit dem Rückenwind des städtischen Bildungsberichts in einem Offenen Brief an das Kultusministerium und das LASUB gewandt.

Aus der Sicht des Kollegiums übernimmt die Schule einerseits zahlreiche zusätzliche Aufgaben, während anderseits ungünstige Rahmenbedingungen zu hohen Belastungen führen:

  • Deutsch als Zweitsprache: Die 135. Grundschule ist DaZ-Schule und verantwortet die sprachliche Integration sowie die soziale Teilhabe neu zugewanderter und geflüchteter Kinder und ihrer Eltern aus vielen Dresdner Stadtvierteln. In den Regelklassen lernen oft über 50 Prozent Kinder mit Migrationshintergrund, die meisten als Deutsch-Sprachanfänger*innen.
  • LRS-Förderung: Die 135. Grundschule ist LRS-Schule. Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwäche bedürfen einer sehr individuellen und kontinuierlichen Förderung in besonders kleinen Klassen und Fördergruppen. Es werden jedes Jahr von den Lehrkräften der Schule spezielle Tests und Aufnahmegespräche durchgeführt. Der Zugang ist nur für Kinder möglich, die bereits den Kindergarten in Deutschland besucht haben.
  • Sonderpädagogischer Förderbedarf: Die 135. Grundschule nimmt jedes Jahr einen überdurchschnittlich großen Anteil von Kindern mit besonderen Förderbedarfen in den Bereichen sozial-emotionale Entwicklung, Lernen und Sprache auf. Für diese Kinder werden an unserer Schule in Zusammenarbeit mit den Eltern die Förderanträge gestellt und nicht wenige werden inklusiv gefördert.
  • Kooperation mit Jugendhilfe: Die 135. Grundschule ist Grundschule im Entwicklungsbereich 1 der Stadt Dresden. Kinder und Eltern an der Schule sind besonderen sozialen Lebensrisiken ausgesetzt. Lehrkräfte sind überdurchschnittlich oft in der Verantwortung, Fördersysteme für die Familien aufzubauen und auf potenzielle Kindeswohlgefährdungen zu reagieren.
  • Personalmangel und Ausfall: Aufgrund fehlender Bewerber*innen für die Schule sind die Lücken im Ergänzungsbereich aber auch im Grundbereich groß. Fast täglich muss DaZ- und Förderunterricht aufgrund notwendiger Vertretung in anderen Kassen ersatzlos ausfallen. Die sprachliche Integration der neu zugewanderten Kinder verzögert sich und die Lehrkräfte in den Regelklassen werden zusätzlich belastet.
  • Einschränkungen durch Seiten­einstieg: Etliche der neuen Kolleg*innen absolvierten und absolvieren an zwei Tagen der Woche zudem die wissenschaftliche Ausbildung für den Seiteneinstieg und können besonders im Anfangsunterricht eine Klassenleitertätigkeit nur eingeschränkt übernehmen. Damit steigt die Belastung für die übrigen Kolleg*innen.
  • Hohe Fluktuation: Angesichts der vielfältigen Aufgaben einerseits und der ungünstigen  Rahmenbedingungen andererseits ist die Fluktuation der Lehrkräfte an unserer Schule auf einem konstant hohen Niveau. Etliche Kolleg*innen aus den Regelklassen verlassen die Schule nach kurzer Einsatzzeit wieder. Für das verbleibende Kollegium bedeutet dies, dass immer wieder neue Lehrkräfte eingearbeitet werden müssen.

Seit drei Jahren weist die Schule auf die Probleme hin, ohne dass die Situation seitens des LASUB Dresden spürbar hätte verbessert werden können. Nun hat das Kollegium Vertreter*innen der Stadt, des LASUB und des Kultusministeriums zu einem Werkstattgespräch eingeladen, um gemeinsam die Ergebnisse des 3. Bildungsberichts auszuwerten und Perspektiven für die Schulentwicklung zu diskutieren. Das Kollegium hat für drei Handlungsfelder bereits konkrete Vorschläge entwickelt, die im Rahmen des Werkstattgesprächs vorgestellt werden sollen:

Handlungsfeld 1: Reduzierung des Ausfalls und Werbung und Bindung von engagierten Lehrkräften
Vergabe von Bindungszulagen/Erhöhung der schulscharfen Ausschreibungen/Rücknahme der Kürzungen im Ergänzungsbereich/Einführung übergreifender Sprachförderung/Einführung von Kooperationsstunden/Vergütung von Mehrarbeitsstunden für Förderunterricht, I-Stunden und DaZ 3

Handlungsfeld 2: Sachgerechte Umsetzung des erhöhten sonderpädagogischen Förderbedarfs
Festschreibung lernförderlicher Klassengrößen analog zu den LRS-Klassen/pauschalisierte Zuweisung von Integrationsstunden für Sprache, Lernen, sozial-emotionale Entwicklung/Bereitstellung von Formularen für den sonderpädagogischen Förderbedarf in einfacher Sprache/Erarbeitung einer integrierten Konzeption der Schule im Bereich sprachsensibles Lernen

Handlungsfeld 3: Verbesserung der sächlichen Arbeitsbedingungen und der Attraktivität der Schule
Erhöhung des Arbeitsumfangs des Schulsekretariats auf 40 Stunden und Zuordnung fester Springerkräfte für die Vertretung/Schallsanierung des Plattenbaugebäudes zur Unterstützung der Sprachförderung und des Arbeitsklimas/Prioritäre Behandlung bei städtischen Investitionen wie Schulbibliothek und Digitalisierung

Auf die Einladungen des Kollegiums kamen von allen Seiten schnelle Zusagen. Das lässt das Kollegium hoffen. Zumal auch im Koalitionsvertrag von CDU, Grünen und SPD eine GEW-Forderung festgeschrieben werden konnte: Bis 2021 soll für Schulen mit besonderen Bedarfen ausgehend von definierten sozialräumlichen Kriterien ein Budgetaufschlag gewährt werden.

 

Quellen:
SZ-Artikel zur 102. GS am 17.02.2018:
www.saechsische.de/ohne-kampf-geht-gar-nichts-3881329.html [01.02.2020]
SMK-Blog zum Bildungsmonitor 2019 am 15.08.2019:
www.bildung.sachsen.de/blog/index.php/2019/08/15/bildungs-studie-sachsen-hat-bestes-bildungssystem [01.02.2020]
INSM-Bildungsmonitor 2019:
https://www.insm-bildungsmonitor.de [01.02.2020]
IQB-Bildungstrends: Nationales Bildungsmonitoring auf Basis der Bildungsstandards der KMK:
www.iqb.hu-berlin.de/bt [01.02.2020]
Bildung in Sachsen im Spiegel der Nationalen Bildungsberichterstattung 2018:
www.schule.sachsen.de/2708.htm [01.02.2020]
3. Bildungsbericht der Landeshauptstadt Dresden:
www.dresden.de/de/leben/schulen/bildungsbuero/management.php [01.02.2020]

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