GEW Sachsen
Sie sind hier:

Eine für alle - Die inklusive Schule für die Demokratie

Das 1. Mal hatten sich bundesweit Gewerkschaften, Verbände, Interessenvertretungen und Wissenschaftler*innen vereint, um ihre Kräfte für eine inklusive Schule zu bündeln. Vom 26. bis 27. September 2016 fand in Frankfurt am Main der Bundeskongress „Eine für alle - Die inklusive Schule für Demokratie“ statt.

01.12.2016 - Hannelore Böhme*, AG Inklusion (erschienen in E&W-Ausgabe 12 / 2016)

„Inklusion kann nicht durch Ausgrenzung geschaffen werden“. Leidenschaftlich betonte Professor  Vernor Muñoz von Plan international und ehemaliger UN- Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung seine Botschaft an Deutschland, das Menschenrecht auf Bildung in die Tat umzusetzen. Er sagte weiter, dass Bildung nicht nur der Wirtschaft diene, sondern vor allem der persönlichen Entwicklung eines Menschen. Das hieße, die Chancen müssen für alle gleich sein. Die frühe Selektion, wie in Deutschland, wirke sich ungünstig auf Benachteiligte aus, wie z.B. Migrant*innen, behinderte Schüler*innen und Kinder aus sozial benachteiligten Schichten. Sie müssten die größten Barrieren überwinden. „Wir lernen ständig - einzige Lernvoraussetzung: Atmen“, sagte Prof. Muñoz.

Von dieser beeindruckenden Rede hätte ich so gut wie nichts lernen können, obwohl ich geatmet habe: Prof. Muñoz sprach spanisch und das konnte ich leider nicht verstehen. Gott sei Dank hatten die Kongressorganisator*innen, diese für mich unüberwindbare Barriere abgebaut, denn es gab eine Simultandolmetscherin. Für gehörlose Teilnehmer*innen wurde dies dann sogar noch in die Gebärdensprache übersetzt. Geht doch, wenn man nur will.

Am 1. Kongresstag auf dem Campus der Goethe - Universität Frankfurt am Main ging es um Barrieren, die auf dem Weg zu einer inklusiven Bildung zu überwinden sind.

Die Barrieren befinden sich im Kopf und haben mit Interessen zu tun, so der Tenor der Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion. Prof. em. Brumlik von der Goethe- Universtät Frankfurt am Main betonte, dass das Bildungskonzept von der Wirtschaft bestimmt wird. Auslese ist da am effektivsten und preiswertesten. Die Benachteiligten bleiben eben übrig und werden von den Bildungsprivilegierten alimentiert.

Aber menschliche Ressourcen werden in Deutschland knapper. Und vor den eben dazu geholten, den geflüchteten Menschen, türmen sich noch ganz andere Barrieren auf als nur soziale Benachteiligung, da kommen auch noch sprachliche, kulturelle und religiöse Barrieren hinzu.

In einem System zum Nutzen der Wirtschaft ist Inklusion zum Scheitern verurteilt, wenn sich nicht alle politischen, sozialen und humanistischen Kräfte dafür engagieren. An dieser Stelle wurde Adornos Erkenntnis zitiert „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“. „Wie wahr“ – dachte ich.

Für uns als Pädagog*innen ist es deshalb von vorrangiger Bedeutung, uns für das Menschenrecht auf Bildung für alle Menschen dieser Welt einzusetzen. Bildungschancen müssen für alle gleich sein. Sie können aber nur gleich sein, wenn alle gemeinsam lernen, mindestens acht Jahre. Dafür müssen große Barrieren beseitigt werden. Auf der Podiumsdiskussion wurden viele aufgezählt: Neben sehr vielen pädagogischen, technischen, sprachlichen, sozialen, kulturellen und religiösen Barrieren wurde als größte Barriere das selektive Bildungssystem angeprangert.

„Eine für alle“- so die Forderung des Bundeskongresses. In der „Frankfurter Erklärung zum Kongress“ heißt es: „Fast 100 Jahre nach der Einführung der gemeinsamen Grundschule muss die Reform des deutschen Schulwesens bis zum Ende der Schulpflicht fortgesetzt werden und alle Kinder und Jugendlichen einschließen.“

Ich denke auch, im Interesse der jungen Generation besteht dringender Handlungsbedarf!

Am späten Nachmittag des 1. Kongresstages standen in 14 hochinteressanten, aber parallel stattfindenden Foren die Barrieren und deren Überwindung im Mittelpunkt. Leider musste man sich für ein Forum entscheiden.

Da ich mich schon während meines berufsbegleitenden Studiums der Lernbehindertenpädagogik an der Leipziger Universität mit etlichen wissenschaftlichen Beiträgen zur Sonderpädagogik von Prof. Wocken auseinandergesetzt hatte, war ich sehr neugierig auf diesen Wissenschaftler und entschied mich für sein Forum. Es bot die Möglichkeit, über die Rolle der Sonderpädagogik in einer inklusiven Bildungslandschaft zu diskutieren. Es ging sehr lebhaft zu und es blieb offen, wie genau die Sonderpädagogik genutzt werden muss und wie das rein praktisch organisiert werden kann.

Meiner Ansicht nach, und das gab ich auch zum Besten, können Erkenntnisse der Sonderpädagogik hervorragend im gemeinsamen Unterricht genutzt werden. Es sind nämlich Erkenntnisse, die für alle Lernenden gleichermaßen zutreffen: Förderung und Forderung, guter Unterricht, Zielgerichtetheit und Beständigkeit. Die Sonderpädagog*innen werden an inklusiven Schulen unbedingt gebraucht. Sie können Stärken und Schwächen von Schüler*innn genau analysieren und gezielt fördern. Wünschenswert für die Zukunft ist es natürlich, dass jede Lehrkraft auch sonderpädagogische Kenntnisse und Fähigkeiten hat.

Noch lange diskutierten die Teilnehmer*innen beim gemeinsamen Abendessen, wie „Eine Schule für alle“ funktionieren kann. Die Bügler – Kids von der Antavia Circus – Show zeigten dabei ihre Talente bei artistischen Darbietungen.

Der 2. Tag hatte eine wichtige Botschaft: Kinder und Jugendliche wollen gemeinsam lernen. Das sei eine Selbstverständlichkeit. Das erklärte André Ponzi von der Landesschüler*innenvertretung Hessen auf der Podiumsdiskussion am Abschlusstag. Er verstehe die ganze Aufregung gar nicht. Er sei mehrere Jahre in Italien zur Schule gegangen. Dort sei es sei total normal, verschieden zu sein. Alle Schüler*innen lernen dort bis zur 8. Klasse gemeinsam. Danach können die Schüler*innen selbst entscheiden, was sie weiter tun wollen.

Ja, so einfach ist das – für Kinder und Jugendliche. Warum tun sich Erwachsene so schwer mit dem gemeinsamen Lernen? Wahrscheinlich, weil sie das wahre Leben bereits kennen. Und das ist nicht inklusiv. Im Gegenteil, die Menschen driften zunehmend weiter auseinander. Und Eltern wollen das vermeintlich Beste für ihre Kinder, aber immer mit dem Ziel, einen ökonomischen sicheren Platz in der Gesellschaft zu finden. Aber dieser ökonomische Zwang orientiert sich nicht an den Talenten oder Begabungen der Kinder. Mit 14 religionsmündig, warum nicht auch mündig, für sich selbst die schulische oder berufliche Weiterentwicklung zu bestimmen? Es ist das Recht des Kindes, sich entsprechend seinen Fähigkeiten und Begabungen entwickeln zu können – in einer Schule für alle.

In seinem Abschlussvortrag betonte Dr. Reinald Eichholz von National coalition für die Umsetzung der UN – Kinderrechtskonvention in Deutschland, dass in der gesamten Diskussion um eine inklusive Schule die Menschenrechte der Maßstab bleiben. Und Rechtsträger des Inklusionsanspruchs sind nicht die Eltern, sondern das Kind. Deshalb wendete er sich scharf gegen ein Elternwahlrecht. Wenn sich die Eltern entscheiden müssen, sei dies eine Notsituation.

Begabungen und Fähigkeiten müssen in einer Schule für alle entdeckt, gefördert und gezielt entwickelt werden. Nur so hat ein Kind die Chance, sich zu der Persönlichkeit zu entwickeln, die ihm die Natur geschenkt hat.

Dr. Eichholz rief uns dazu auf, das gegliederte Schulsystem in Deutschland abzuschaffen, und endlich das Menschenrecht auf Bildung auf den Weg zu bringen.

„Wir dürfen zornig werden, wenn wir merken, dass Bildung kaputt gemacht wird“, sagte er unter großem Beifall zum Abschluss. Um uns zu ermutigen zitierte er Konfuzius: „Wenn man Großes will, muss man geduldig sein.“

Recht hat er. Inklusion in einer zutiefst gespaltenen Gesellschaft ist nicht von heute auf morgen zu realisieren. Es bedeutet Engagement und Kampf. Im Songtext eines bekannten Künstlers heißt es: „Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer...“ Und damit war bestimmt nicht der Weg zum inklusiven Bildungssystem gemeint. Aber alle Kämpfe erfordern Zusammenhalt, Ideen und Mut – und sind mit Mühe verbunden.

An dieser Stelle zitiere ich nochmal Dr. Eichholz: „Noch niemand kann sagen, wie das inklusive Bildungssystem der Zukunft wirklich aussieht. Insofern steht meine Meinung unter dem Vorbehalt, morgen schlauer zu sein.“

Also, liebe Kolleginnen und Kollegen, kämpft mit euren Ideen, Erfahrungen und Kenntnissen für Bildungsgerechtigkeit, um allen Menschen ein selbstbestimmtes und freies Leben in der Demokratie zu ermöglichen. Ein selektives Bildungssystem steht diesem Anspruch im Wege.

Ich bin dabei.

 

* Lehrerin an der Robert – Blum - Schule Leipzig, Fachberaterin für Berufsbildende Förderschulen

Zurück