GEW Sachsen
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Digitale Arbeits- und LernweltenDimensionen und Herausforderungen

Die GEW organisiert gemeinsam mit der IG Metall seit mehreren Jahren eine Veranstaltungs- bzw. Fortbildungsreihe für Lehrkräfte. Im Mai 2019 debattierten Kolleg*innen verschiedener Schularten in Berlin über Prozesse innerhalb einer „digitalisierten Arbeitswelt“. Ziel war es, Dimensionen und Handlungsfelder zu erfassen, Veränderungen zu kennzeichnen und deren unterrichtliche Umsetzung an beruflichen Schulen zu erörtern. Einen Einblick in die ökonomische Praxis gab ein Schul- und Betriebsbesuch im SIEMENS-Werk Berlin, in dem Transformationsprozesse hautnah erlebbar waren.

01.11.2019 - Carsten Müller Referat Schulische Bildung - (E&W Sachsen Ausgabe 11/2019)

Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der (für mich) wichtigsten Erkenntnisse und zukünftig zu bearbeitenden Felder.

Digitalisierte Arbeits- und Lernprozesse:
Sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Schule gilt es, weder einer „Dramatisierung (Black Box)“ [1] noch einer „Banalisierung (Strom des 21. Jahrhunderts)“ [2] zu unterliegen. Stattdessen müssen die laufenden Prozesse und Algorithmen hinterfragt und unter wechselnden Perspektiven reflektiert werden.

Wichtige Fragen sind:

  • Wie bewahren wir uns unsere Autonomie und unsere Lernfähigkeit?
  • Wie gestalten wir autonome Systeme so, dass wir noch Erfahrungen machen können?
  • Welche Risiken handeln wir uns mit unreflektiertem Umgang mit Algorithmen ein?
  • Warum erliegen Entscheider einer uninformierten Gläubigkeit an die Lösungsintelligenz dieser Systeme? Und wie befähigen wir sie zu einem informierten Realismus? [3]

Es geht in der beruflichen Bildung um eine kritische Medienbildung und -erziehung im Umgang mit Digitalisierungsprozessen. Nur so wird es möglich sein, autonome technische Systeme so zu gestalten, dass wir als Mensch und Arbeitnehmer*in noch Erfahrungen machen können und eine Grundsicherheit über den verantwortlichen Umgang mit Daten und Algorithmen gewinnen.
Letztlich ist es eine Frage für Lehrplankommissionen und Ausbildungsträger, inwieweit diese wichtigen und existentiellen Fragen in die Lehrpläne eingetaktet werden und sich im Rahmen der zu erwerbenden Kompetenzen wiederfinden.

Transformationsprozesse:
Die derzeitigen Transformationsprozesse innerhalb der Industrie sind enorm vielfältig. Zum einen ändert sich die Produktion selbst (durch globale Vernetzungen, Individualisierung von Produkten, Änderung von innerbetrieblichen Strukturen), zum anderen drängen neue Produkte auf den Markt, die sich nicht nur auf Produktionsprozesse, sondern auch auf die Arbeitnehmer auswirken.
Ein Beispiel ist der Trend zur Elektromobilität. Elektrofahrzeuge sind gegenüber Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor erheblich „komplexitätsreduziert“. Damit werden viele von Zulieferern hergestellte Teile zukünftig nicht mehr benötigt bzw. Produktionsprozesse vereinfacht. Dies wird sich in unterschiedlicher Härte auf bisher benötigte Berufsbilder und Kompetenzniveaus auswirken. Lern- und Veränderungskompetenzen werden zunehmend wichtig.
Spätestens an dieser Stelle rückt die schulische bzw. berufliche Bildung in den Fokus, z. B. beim zielgerichteten Umgang mit kompetenzorientierten Rahmenlehrplänen.
Oder wie es die SIEMENS AG im Rahmen der Berufsausbildung formuliert: „Die Ausbildung wird interdisziplinärer und domänenübergreifender.“ [4]

Wenn Berufsausbildung bzw. Berufsschule tatsächlich nachhaltig wirken soll, werden zukünftig u. U. weniger die fachlichen Inhalte im Mittelpunkt stehen, sondern die erworbenen Kompetenzen der Absolvent*innen. Die kompetenzorientierten Lehrpläne der Lernfelder deuten dies bereits an.
Wir brauchen den Rahmen und die Zeit, um im Kollegium über deren Umsetzung zu reden und diese zu planen. Das mag zu Beginn mühsam sein, ist allerdings ein Kernelement guten Unterrichts in den Lernfeldern.

Datenschutz:
Dieses Thema begleitet uns in allen Lebensbereichen. So gibt es natürlich auch Spannungsfelder, die immanent mit der Digitalisierung beruflicher Handlungs- und Bildungsfelder verbunden sind. Einerseits hat man als Mitarbeiter ein natürliches Interesse und Recht am Schutz seiner eigenen Daten, andererseits schränkt ein umfassender Datenschutz häufig die Funktionalität der Technik ein.
Innerhalb der Fortbildung zeigte Frau Prof. Sabine Pfeiffer dies exemplarisch am Beispiel von Arbeitshandschuhen in der Produktion auf. Sie messen bzw. kontrollieren den Puls, übertragen aber auch biometrischen Daten. Wohin eigentlich genau und wofür können diese Daten genutzt werden?
Diese Frage gilt im gleichen Maße für Schulportal, Lernplattformen oder Lernsoftware, die sowohl Kommunikation, Fortbildung und Wissenserwerb der Kolleg*innen erleichtern, als auch die dafür scheinbar notwendigen Daten der Lehrkräfte erfassen, verarbeiten und speichern.
 Der Umgang mit diesen gesammelten Daten wird zukünftig ein wichtiger Gradmesser sein, wie Schule und die Träger der schulischen Bildung die erlangten Daten ge- und hoffentlich nicht missbrauchen. Nicht das technische bzw. digitale System ist das Problem, sondern der Umgang mit diesen Systemen.

Auch als Lehrer*in stellt man seinem Arbeitgeber persönliche Daten zur Verfügung, z. B. persönliche Kontaktdaten von der Adresse bis evtl. hin zu Telefonnummer und Mailadresse. Im Gegenzug sollte man natürlich erwarten können, dass diese Daten nicht missbräuchlich genutzt werden. Das fängt übrigens bereits dort an, wo eine stetige Erreichbarkeit eingefordert wird.

Herausforderung an (berufs-)schulische Bildung:
Gesellschaftliche und arbeitsweltliche Digitalisierungsprozesse verändern auch die (beruflichen) Schulen. Das ist allen Beteiligten bewusst. Wichtig ist es, die verschiedenen Aspekte dieser Veränderungen zu erfassen und zu strukturieren. In den verschiedenen Arbeitsrunden der Fortbildung ergab sich dabei das folgende Bild:

Chancen (beispielhaft)

  • Der Austausch und die Kooperation von Lehrkräften wird (z. B. über Lernplattformen) leichter organisierbar.
  • Der Erwerb von Informationen wird Lehrer*innen und Schüler*innen enorm erleichtert.
  • Der Einsatz digitaler Medien bzw. Lernmöglichkeiten könnte die Motivation der Schüler*innen erhöhen.
  • Die finanziellen Möglichkeiten des Digitalpaktes bieten die Chance für eine Verbesserung der Schulausstattung, wenn auch im eng begrenzten Umfang

Gefahren/Probleme (beispielhaft):

  • Lehr- und Lernprozesse könnten sich (z. B. durch E-Learning) anonymisieren.
  • Die Distanz der an Bildung Beteiligten könnte sich erhöhen und das Lernen als  „Beziehungsarbeit“ erschweren.
  • Arbeits- und Freizeiten könnten sich durch Digitalisierung weiter entgrenzen.
  • Oft liegt der Fokus einseitig auf der Technik und nicht auf dem Inhalt bzw. der pädagogischen Verwertbarkeit.
  • Geschriebene Konzepte zum Einsatz digitaler Medien bleiben zu oft „Papiertiger“.
  • Ein unreflektierter und ungeplanter Einsatz digitaler Medien bietet weitreichende Ablenkungsmöglichkeiten.

Offene Fragen und Aufgaben, die dringend zu lösen sind:

  • Wie gehen wir mit dem Wandel traditioneller Kulturtechniken um?
  • Wie gehen wir im Zuge der Digitalisierung mit Heterogenität um?
  • Gelingt uns ein möglicher Rollenwechsel hin zum überwiegenden „Lernbegleiter“?
  • Wie kompensieren wir den hohen Zeitaufwand bei der Implementierung digitaler Systeme in Bildungsprozesse?
  • Es gilt, den realen Fortbildungsbedarf der Kolleg*innen zu erfassen und entsprechend zu bedienen.
  • Die Absicherung von Wartung und Support digitaler (Bildungs-)Systeme muss vor der Implementierung geklärt sein.
  • Die tatsächliche Mitbestimmung und Rechtssicherheit aller Beteiligten muss von Beginn an gewährleistet werden.

All dies ist nur ein kleiner, eng begrenzter Blick auf zukünftige Bildungsprozesse einer digitalisierten Arbeits- und Lebenswelt. Aber bereits die hier beschriebenen Akzente werden unsere Schulen und Kollegien vor enorme Herausforderungen stellen. Unter dem (richtigen) pädagogischen Blickwinkel, einer zeitgemäßen materiellen, technischen und personellen Ausstattung der Schulen und in einem von gegenseitiger Akzeptanz und Offenheit geprägten Klima werden die Probleme lösbar sein und sich unsere Schulen im Sinne einer zukunftsorientierten Ausbildung weiterentwickeln (können).

Carsten Müller
Referat Schulische Bildung

 

[1] Prof. Dr. Sabine Pfeiffer: Digitalisierung der Arbeitswelt – Dimensionen und Herausforderungen. Vortrag bei der Tagung DIE DIGITALISIERTE ARBEITSWELT: Herausforderungen für das Lernen in Schule und Ausbildung am 22. Mai 2019 in Berlin – Präsentation, Erlangen-Nürnberg 2019.
[2] Ebenda
[3] Ebenda
[4] Angela Behns-Vespermann: Ausbildung in der SIEMENS AG – Präsentation, Berlin 2018.