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Inklusive Bildung internationalDie Bildungssysteme Islands und Deutschlands im Vergleich

Die Auseinandersetzung mit inklusionsorientierten Perspektiven geht in Zeiten der Pandemie zunehmend verloren. Der Fokus vieler Kolleg*innen liegt sicher zu recht auf der Bewältigung der unglaublich herausfordernden Situation und dem hohen Engagement gegen die zunehmende Bildungsungerechtigkeit.

01.04.2021 - Anja Dörfler, Janine Süß & Nico Leonhardt - ( E&W Sachsen – Ausgabe 04/2021 )

Dennoch scheint es wichtiger als je zuvor, sich mit inklusiven Entwicklungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen, um gerade in dieser Zeit mehr Handlungsoptionen entwickeln zu können.

Mit diesem Ziel wurde im letzten Jahr das Projekt „Inklusive Bildung in Island“ ins Leben gerufen, um in einen bi-nationalen Austausch zwischen Pädagog*innen aus Deutschland und Island zu treten. Konkret ist dafür eine einwöchige Exkursion nach Island geplant, die gewerkschaftlich engagierten Pädagog*innen Einblicke in konkrete Praxiserfahrungen und Umsetzungsmöglichkeiten hinsichtlich inklusiver Bildung ermöglichen soll. Dabei sind Besuche, Austausch und Hospitationen in verschiedenen Bildungsinstitutionen von den KiTas über Schulen bis zur Hochschule geplant.

Darüber hinaus sollen auch außerschulische Bildungsakteur*innen und -expert*innen einbezogen werden. Da pandemiebedingt die Exkursionswoche verschoben werden musste, haben die Teilnehmer*innen sich engagiert aufgemacht und in kürzerer Zeit einen ersten digitalen Austausch mit isländischen Kolleginnen organisiert. So fand vom 19. bis 20. Februar die bi-nationale und vergleichende Tagung statt, von der zwei Kolleginnen wie folgt berichten:

Eine internationale Tagung im eigenen Wohn- oder Arbeitszimmer zu erleben, war nicht nur für uns, sondern auch für die Isländerinnen eine besondere Erfahrung – so weit voneinander entfernt und auch doch irgendwie so nah. Es sollte an diesen beiden Tagen nicht das einzige Mal so sein. Auch wenn ein kleiner Wehmutstropfen dabei war, da wir unter „normalen“ Umständen vor Ort in Island gewesen wären und alles „live“ hätten erleben können.
Zunächst gaben uns die isländischen Kolleginnen einen Überblick über Inklusion im isländischen Bildungssystem unter Einbezug der Gesellschaft. Diese Präsentation erweckte den Eindruck, als lebe Island die Inklusion in jeder Bildungseinrichtung des Landes. Dem gegenüber scheinen die Inklusionsbestrebungen im deutschen Bildungs­system im Widerspruch zu stehen. Andreas Hinz zeigte auf, wie selektiv unser Bildungssystem noch immer ist. Während wir unser Bildungssystem oft sehr kritisch betrachten, so meldeten die Isländerinnen zurück, dass sich daraus auch Chancen entwickeln können, beispielsweise in einer professionelleren Begleitung für Menschen in besonderen Lebenslagen, wie es in Island der Fall ist.

Am nächsten Tag konnte in verschiedenen Workshops ein kleiner Einblick in die „Inklusive Bildung in Deutschland“ gewonnen werden. Angefangen bei allgemeinen Richtlinien der frühen Bildung in Kindertagesstätten und der dort beginnenden Diagnostik von Kindern waren auch die Teilhabe von Menschen mit bzw. in besonderen Lebenslagen an der Universität und in der Gesellschaft Themen der Referent*innen aus Deutschland.

In einem weiteren Workshop wurde mit der freien Alternativschule Dresden eine Schule der Vielfalt vorgestellt. Durch das Lernen in altersübergreifenden Gruppen werden viele Aspekte der Vielseitigkeit einbezogen, sodass Kinder und Jugendliche mit einem Förderbedarf keinen „Sonderstatus“ einnehmen. Vielseitigkeit wird hier als eine Chance in vielerlei Hinsicht verstanden.

Auch die Isländerinnen gewährten uns einen intensiveren Einblick in die inklusiv angelegten Strukturen ihres Bildungssystems. Neben der Inklusion an einer der Universitäten in Island wurde mit der Storyline-Methode eine Möglichkeit vorgestellt, welche die Eigenkreativität fordert und fördert. Wir erhielten zudem einen näheren Blick auf die Ausbildung isländischer Lehrer*innen, die mehr auf eigenen Erfahrungen und deren Reflexion beruht, als dies in Deutschland der Fall ist. In einem weiteren Workshop wurden die Synergien zwischen Island und Japan in Bezug auf eine inklusive Bildung vorgestellt.
In einem anschließenden, nicht öffentlichen, gemeinsamen Austausch zwischen der isländischen und unserer Gruppe gab es zusammenfassend doch mehr Gemeinsamkeiten im Hinblick auf unsere Bildungssysteme, als zuvor vermutet.

Am Ende der Tagung steht die gemeinsame Erkenntnis, dass Inklusion ein Gedanke ist, der in den Köpfen aller Menschen beginnt und sich auf alle Lebensbereiche beziehen sollte. Allen eine Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben zu ermöglichen, sollte das oberste Ziel der Bildung sein.

Sowohl Deutschland als auch Island befinden sich auf einem Pfad, der diesem Gedanken immer mehr den Weg ebnen soll. Dieser wird ein langer werden, die Anfänge sind jedoch in beiden Ländern gemacht. Ein gemeinsamer Austausch über zwei augenscheinlich gegensätzliche Bildungssysteme kann sowohl einen Perspektivwechsel als auch einen Entwicklungsprozess in Gang setzen, der sich positiv auf die Gestaltung inklusiver Bildung in beiden Ländern auswirken kann.
Die Tagung steigerte unsere Motivation noch mehr, den Erfahrungsaustausch endlich persönlich und vor Ort fortsetzen zu können. Das ist nun für Oktober diesen Jahres geplant.

Anja Dörfler, Janine Süß &
Nico Leonhardt

Kontakt: inklusion(at)gew-sachsen(dot)de