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Gespräch mit Paul Senf und Lukas Eichinger von der Konferenz Sächsischer Studierendenschaften (KSS)„Corona war nur der Anlass zur Digitalisierung der Hochschullehre“

"Was sind die Probleme der Studierenden in diesem digitalen „Corona“-Semester?" und "Funktioniert die digitale Lehre denn zumindest von Seiten der Hochschulen technisch gut?", – darüber und zu weiteren Fragen informiert im folgenen das Gespräch ...

 

01.07.2020 - Janis Klusmann, Referent für Organisationsentwicklung/Jugend der GEW Sachsen - (E&W Sachsen Ausgabe 07-08/2020)

Was sind die Probleme der Studierenden in diesem digitalen „Corona“-Semester?
Paul Senf: Das akuteste Problem ist die Finanzierung des Studiums. Die Jobs sind weggefallen, von denen sich bundesweit 2/3 finanzieren. Das geht jetzt seit zwei Monaten so und nun wird es immer enger. Bei der digitalen Lehre haben zudem nicht alle Studierenden ausreichende technische Ausstattung oder Internet. Zudem ist bei vielen das Lernumfeld schwierig, insbesondere wenn sie Kinder oder Angehörige betreuen müssen, so dass sie an den digitalen Angeboten nicht teilnehmen können, z. B. an den Musikhochschulen kann nicht synchron mit Instrumenten über das Internet geübt werden.

Wie läuft die digitale Lehre inhaltlich ab?
Paul Senf:
Sehr viele Lehrende engagieren sich sehr – trotz fehlender Kinderbetreuung und befristeter Beschäftigung. Teilweise werden aber nur Skripte hochgeladen und der Kontakt zu Dozierenden und Studierenden fehlt einfach. Die geschlossenen Bibliotheken machen auch vieles schwieriger.

Lukas Eichinger:  Eine große Herausforderung ist die fehlende Planungssicherheit, weil z. B. nicht klar ist, wie Prüfungen oder die Nicht-Anrechnung des Semesters umgesetzt werden und das ja große Auswirkungen auf das BAföG oder die Studiendauer hat. Viele und vieles hängt jetzt noch in der Luft.

Funktioniert die digitale Lehre denn zumindest von Seiten der Hochschulen technisch gut?
Lukas Eichinger:
  Dafür, dass wir schon im April mit der digitalen Lehre angefangen haben, lief es doch sehr gut. Aber es ist doch ein höherer Workload, weil es mit der Vor- und Nachbereitung für alle aufwendiger ist.

Paul Senf: Wir hören von vielen Dozierenden, dass sie das Feedback der Studierenden – nun mit Videokamera – vermissen, aber viele Studierende fühlen sich da nicht sicher genug. Wir haben noch einige Debatten um Datenschutz und die Nutzung von Portalen wie Zoom oder GoToMeting oder Microsoft Teams bei Prüfungen. Zu Beginn gab es wohl auch vereinzelt die Idee Vorlesungen auf Instagram anbieten zu wollen.

Die KSS hat jetzt ja in den letzten Wochen intensive Öffentlichkeitsarbeit für die Anliegen der Studierenden unternommen. Gibt es schon erste Erfolge?
Paul Senf:
  Wir sehen uns auch als Koordinierungsstelle zwischen den Hochschulen, um z. B. gute Regelungen und Beschlüsse von einer Hochschule an die anderen weiterzugeben und Themen auf die landesweite Tagesordnung zu setzen.

Lukas Eichinger:  Wir sind sehr gut mit der Arbeit in bundesweiten Bündnissen, wie dem Solidarsemester und der Nothilfe für Studierende, unterwegs, mit denen wir auf Landes- und Bundesebene gut Druck machen konnten. Mit der Landesrektor*innenkonferenz und dem Wissenschaftsministerium stehen wir im wöchentlichen Austausch und haben u. a. die fehlende Notbetreuung für Kinder von Studierenden thematisiert. Nach dem Koalitionsvertrag der Staatsregierung steht auch für 2020 noch eine Novelle des Hochschulfreiheitsgesetzes an, für das wir einige wachrütteln wollen.

Paul Senf: Wir brauchen eine Flexibilisierung des Studiums mit Teilzeit-Möglichkeiten, keine Begrenzungen der Prüfungsversuche, eine Hochschule mit mehr Kompetenzen für demokratisch gewählte Gremien, eine Wiederherstellung der verfassten Studierendenschaft, mehr Inklusion und Gleichstellung. Wir brauchen auch mehr Solidarität zwischen den Statusgruppen, gerade mit den befristeten Beschäftigten.

Einige Hochschulen wie Freiberg haben ja einige Nothilfe-Fonds aufgelegt. Ist das eine Lösung für das Finanzierungsproblem?
Lukas Eichinger:
  Wir begrüßen alle Ini­tiativen und Unterstützung durch einzelne Hochschulen oder Fördervereine, da zurzeit die Hilfen von Landes- und Bundesebene nicht ausreichen. Grundsätzlich treten wir aber für eine staatliche Unterstützung ein, die dann durch Steuergelder eine Umverteilung von den Finanzstärkeren zu Schwächeren bedeuten würde.

Paul Senf: Einige Hochschulen, wie die TU Dresden, die Bergakademie Freiberg oder die Hochschule für Musik und Theater Leipzig, engagieren sich da sehr. Der Studierendenrat der HTW Dresden hat sogar einen eigenen Fonds aufgelegt, aber insgesamt muss man sagen: Individuelle Fonds sind gut, aber das muss über die Studierendenwerke laufen und deren Nothilfe-Fonds massiv aufgestockt werden. Da reichen auch die bundesweit in Aussicht gestellten 100 Millionen durch das Bundesbildungsministerium nicht.

Was lässt sich aus dem Corona-Digitalisierungsschock lernen? Gibt es auch positive Erkenntnisse?
Lukas Eichinger:
  Digitalisierung stand bei den Hochschulen schon eh auf der Agenda und nur durch Corona wurde das so schnell und umfassend umgesetzt. Corona war also nur der Anlass zur Digitalisierung der Hochschullehre.

Paul Senf:  Am Anfang war es schon ein großer Hype mit einer großen Bereitschaft, die Digitalisierung voranzutreiben. Einige Lehrende wünschen sich aber nun schon wieder, dass zur Präsenzlehre zurückgekehrt wird. Corona legt viele Schwachstellen offen, wie der schwierigen Studienfinanzierung mit bundesweit 12 % BAföG-Empfänger*innen. Da muss jetzt und zukünftig einfach mehr passieren.

Paul Senf, Sprecher KSS Sachsen, Senator, Referent Lehre und Studium an der TU Dresden
Lukas Eichinger, Sprecher KSS Sachsen, TU Bergakademie Freiberg

Das Gespräch führte Janis Klusmann, Referent für Organisationsentwicklung/Jugend der GEW Sachsen.