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Die bessere KitaCorona und die frühkindliche Bildung

Das Graswurzelbündnis „Die bessere Kita“ hat anlässlich einer Landtagsdebatte am Freitag, dem 27. November, eine Stellungnahme veröffentlicht. Die GEW Sachsen ist Mitglied im Sprecherrat des Bündnisses und unterstützt dessen Forderungen.

27.11.2020

Auf Antrag der Fraktionen von CDU, SPD und Grünen gibt es morgen im Ausschuss „Schule und Bildung“ des Sächsischen Landtages eine öffentliche Anhörung unter dem (etwas sperrigen) Titel „Krisenbewältigung und Krisenmanagement – Infektionsschutzmaßnahmen, Hilfen und Schlussfolgerungen zur Corona-Pandemie im Freistaat Sachsen, hier im Bereich der frühkindlichen und schulischen Bildung sowie der Erwachsenenbildung“.

„Wir freuen uns sehr, dass die Regierungskoalition dieses wichtige Thema gleich als ersten Punkt auf die Tagesordnung der Ausschusssitzung gesetzt hat. Das ist angemessen und richtig“, macht Jens Kluge, Sprecher des Graswurzelbündnisses „Die bessere Kita“, deutlich.

Ungleichbehandlung in Kita und Schule muss endlich ein Ende haben

Nach Kluges Einschätzung kommt die durch die Landespolitik noch immer forcierte Ungleichbehandlung der Erzieherinnen und Erzieher im Vergleich zu den Lehrerinnen und Lehrern in den Kindertagesstätten in Sachsen nicht gut an. So haben Lehrerinnen und Lehrer zum Beispiel einen Anspruch auf kostenlose Corona-Tests, während sie den Erzieherinnen und Erzieher verwehrt werden. „Wir brauchen endlich auch für die Erzieherinnen und Erzieher eine Teststrategie“, fordert deshalb Andreas Warschau. Der Leiter der Kita „Koboldland“ in Dresden ist Mitglied des Sprecherrates des Graswurzelbündnisses „Die bessere Kita“. Dass die Erzieherinnen und Erzieher von der Landespolitik schlicht vergessen werden, zeige auch die Diskussionen um den vorgezogenen Ferienbeginn. „Die Argumentation von Ministerpräsident Michael Kretschmer, die Schulen zu schließen, um durch weniger Begegnungen in der Übergangszeit zu den Feiertagen das Infektionsrisiko zu senken und dadurch Begegnungen an Weihnachten möglich zu machen, kann ich durchaus nachvollziehen. Müsste diese Regelung dann aber nicht auch für Kitas und Horte gelten?“, fragt Andreas Warschau. Offen sei auch die Frage, ob die Kinder, die nicht die Schule besuchen, dann im Hort betreut werden und wie von den Kitas der Ausfall kompensiert werden soll, wenn Erzieherinnen und Erzieher nicht auf Arbeit kommen können, weil sie zu Hause ihr Schulkind betreuen müssten.

Vorgezogene Ferien sind Schulschließung light

„Die vorgezogenen Ferien sind nichts anderes als eine Schulschließung light“, sagt Christian Wobst. Der Vorsitzende des Stadtelternrates Limbach-Oberfrohna e.V. ist ebenfalls Mitglied im Sprecherrat des Graswurzelbündnisses „Die bessere Kita“. Es sei allgemein bekannt, dass es die Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Tagen vor den Weihnachtsferien in der Regel ruhiger angehen lassen, dennoch entsteht für den Vater einer schulpflichtigen Tochter einmal mehr der Eindruck, dass das Sächsische Kultusministerium den Bildungsauftrag nicht so richtig Ernst zu nehmen scheint. „Bildungsaffine Familien können diesen vergleichsweise geringen Schulausfall sicher kompensieren, aber was ist mit den Familien, die nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, die Schulbildung ihrer Kinder adäquat zu unterstützen?“

Zusammenarbeit von Kultusministerium und Kommunen gehört auf den Prüfstand

Auch dem Vorsitzenden des Stadtelternrates Limbach-Oberfrohna ist die Ungleichbehandlung von Erzieherinnen und Erziehern im Vergleich zu den Lehrerinnen und Lehrern ein Dorn im Auge: „Ich erwarte, dass das Kultusministerium in Zukunft mehr Verantwortung für die Erzieherinnen und Erzieher übernimmt. Der Verweis auf die Verantwortung der Kommunen kann kein Argument mehr sein, denn die scheinen mit den Kitas schlichtweg überfordert zu sein.“ Er plädiert dafür, die Zuständigkeiten zwischen Kommunen und Land im Bereich der frühkindlichen Bildung in Sachsen noch einmal grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen. „Da hat sich in der Vergangenheit einfach viel zu viel Sand im Getriebe abgesetzt.“

Kitas übernehmen Aufgaben der Gesundheitsämter

Wie groß die Überforderung auf kommunaler Ebene gerade ist, zeige sich auch daran, dass die Kindertagesstätten unfreiwillig immer mehr Aufgaben der örtlichen Gesundheitsämter übernehmen beziehungsweise gezwungen sind, die Gesundheitsämter in einem so großen Umfang zu unterstützen, dass zum Teil der weiterlaufende Regelbetrieb in den Kitas kaum mehr zu organisieren ist. „Von der vorsorglichen Entscheidung über die Schließung einzelner Teilbereiche, über die nur mit viel Aufwand zu betreibende Nachverfolgung der Kontakte der jeweiligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie der Kinder, bis zur Information der Eltern über die Quarantäneentscheidung übernehmen wir Aufgaben, die eigentlich von den Gesundheitsämtern geleistet werden müssten“, sagt der Zwickauer Kitaleiter Jens Kluge. So sei in seiner Kita nach mehreren positiven Coronabefunden ein kompletter Test aller Kinder, Erzieherinnen und Erzieher erst auf sein Drängen realisiert worden. Mit seinem Team habe er alles allein organisieren müssen. Dazu kommt die Verunsicherung der Eltern, weil sie oftmals über einen längeren Zeitraum keine Informationen aus dem Gesundheitsamt erhalten. „Da muss sich dringend etwas ändern.“ Speziell in der von ihm geleiteten Kita gab es mehrere positive Fälle, mittlerweile läuft ein zeitlich eingeschränkter Regelbetrieb, es gelten weitere, neue Hygieneregeln, die weitere Ausbrüche und damit erneute Schließungen von Teilbereichen verhindern sollen. „Das lässt sich nicht alles nebenbei mal schnell organisieren, auch unsere Energie ist endlich“, so Jens Kluge.
Er spricht sich deshalb dafür aus, den Kitas in dieser fundamentalen Gesundheitskrise „Hilfspersonal“ zur Verfügung zu stellen, dass die Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel bei Verwaltungstätigkeiten wie etwa der Erstellung von Kontaktlisten unterstützt oder die Eltern darauf hinweist, dass in der Kita und davor ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen ist. „Wenn Kitas schon weiter laufen sollen, müsste es auch möglich sein, Mitarbeiter aus anderen Bereichen zur Unterstützung einzusetzen. Warum soll nicht zum Beispiel ein Kleinkünstler, der zur Zeit seiner Arbeit nicht nachgehen darf, sich sein Geld nicht vorübergehend in der Kita verdienen?“, fragt Jens Kluge. Kita-Leiter Andreas Warschau sieht das ganz ähnlich: „Ein kleines bisschen Arbeit wäre uns schon abgenommen, wenn wir nicht jeden Tag die von den Eltern unterschriebenen Gesundheitsbestätigungen kontrollieren müssten“, sagt Andreas Warschau. Zum einem habe sich die ursprüngliche Intention der Regelung, nämlich Eltern dazu zu bringen, sich den Gesundheitszustand ihrer Kinder an jedem Morgen ganz genau bewusst zu machen, mittlerweile abgenutzt, zum anderen sei in jeder Kita-Hausordnung geregelt, dass kranke Kinder die Einrichtung nicht besuchen dürften.

Übergang von Kita zur Schule muss besser begleitet werden

„Ich würde mich freuen, wenn die Mitglieder des Ausschusses Schule und Bildung auch noch einmal ein Blick auf den Übergang von der Kita zur Grundschule werfen würden“, sagt Jürgen Tautz, Geschäftsführer des Arbeiterwohlfahrt Kreisverbandes Chemnitz und Umgebung e.V. und Mitglied des Sprecherrates. Bisher trugen Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit den Eltern die Verantwortung für den reibungslosen Übergang der Kinder von der Kita in die Schule. „Leider müssen wir feststellen, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer zumindest nach unserer Einschätzung aus dieser Verantwortung weitestgehend zurückgezogen haben“, sagt Jürgen Tautz. Christian Wobst teilt diese Einschätzung für Limbach-Oberfrohna. „Wir hatten in einigen Einrichtungen eine geradezu vorbildliche Vorschularbeit, die jetzt immer mehr zurückgefahren wird, weil das Kultusministerium die Lehrerinnen und Lehrer aufgrund des Personalmangels offensichtlich angewiesen hat, der Vorschularbeit nicht mehr die notwendige Priorität zu schenken. Im Interesse der Kinder und Eltern ist das natürlich eine mittlere Katastrophe, schließlich stellen Übergänge im Bildungssystem die Beteiligten immer vor eine Herausforderung. Das muss von allen Seiten gut begleitet werden.“

Verstärkter Fokus auf Horte

Jürgen Tautz macht deutlich, dass die Kolleginnen und Kollegen in den Horten in Zukunft für das Graswurzelbündnis „Die bessere Kita“ stärker in den Fokus rücken werden. „Für die Erzieherinnen und Erzieher, die sich die Kinder bis zum Eintritt in die Schule kümmern, konnten wir in der Vergangenheit einiges erreichen. Jetzt muss es auch im Hort deutliche Verbesserungen geben, denn die pädagogischen Fachkräfte dort wurden in der Vergangenheit geradezu stiefmütterlich behandelt“, sagt der Chemnitzer AWO-Geschäftsführer. So seien die Horte bei der Verbesserung des Personalschlüssels nicht einbezogen worden und aufgrund der besonderen Betreuungs- und damit Arbeitszeiten auch bei der Einführung der Vor- und Nachbereitungszeit benachteiligt. Gleichzeitig appellierte Jürgen Tautz an die Pädagoginnen und Pädagogen in Schule und Hort, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten: „Wenn Maßnahmen für Schulen entschieden werden, müsse die Auswirkungen auf die Horte mitgedacht und mitberücksichtigt werden.“

Das sieht Astrid Axmann, stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen und Mitglied im Sprecherrat des Graswurzelbündnisses, ganz ähnlich: „Das Sächsische Kultusministerium ist in der Verantwortung, bei Maßnahmen für Schule und Hort einen Gleichklang herzustellen. Wenn das Hygienekonzept der Schulen zum Beispiel eine Maskenpflicht für bestimmte Bereiche beziehungsweise Personen festschreibt, muss das auch für die Horte gelten und die Arbeitgeber verpflichtet werden, den Mund-Nasen-Schutz auch für die Erzieherinnen und Erzieher im Hort zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig muss ausgeschlossen werden, dass der Hort die Betreuung der Kinder in den vorgezogenen Weihnachtsferien übernimmt.“ Sie spricht sich gleichzeitig dagegen aus, dass sogenannte „Stützpunkteinrichtungen“ zwischen Weihnachten und Neujahr Kinder aus vielen Einrichtungen betreuen. „Das liefe der Kontaktreduzierung von Menschen aus unterschiedlichen Haushalten völlig entgegen! Die Betreuung muss auch in den Ferien in jeder Einrichtung sichergestellt werden!“

Diskussionen als Garant für notwendige Akzeptanz

Immerhin einen positiven Aspekt kann Bündnissprecher Jens Kluge dann doch noch nennen: „Nach Jahren des Stillstandes hat sich im Bereich der frühkindlichen Bildung in Sachsen in der Vergangenheit schon einiges bewegt. Wir sind aber noch lange nicht dort, wo wir im Interesse der Kinder hinmüssen.“ Er geht deshalb davon aus, dass die frühkindliche Bildung in Sachsen die Mitglieder des Ausschusses Schule und Bildung des Sächsischen Landtages auch weiterhin beschäftigen wird. „Wir bleiben auf jeden Fall am Thema dran und werden uns gemeinsam mit den Mitgliedern des Bündnisses den Haushaltsentwurf der Ministerien vor allem mit Blick auf die frühkindliche Bildung genau anschauen“, so Jens Kluge. Wie alle anderen Mitglieder des Graswurzelbündnisses hegt er die Hoffnung, dass die Rückmeldung aus dem Bündnis in den Ministerien und bei den verantwortlichen Politikern so wahrgenommen werden, wie sie gedacht sind – „als Unterstützung für notwendige Entscheidungen und als Diskussionsgrundlage. Denn nur so kann auch eine Akzeptanz unter denen, die am Ende die Sachen umsetzen sollen, erreicht werden.“
 

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