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IntegrationBrücken in den Beruf

„Der Brückenkurs war wirklich eine Brücke für mich, weil meine lieben Dozentinnen mir gesagt haben, welche Möglichkeiten man als Lehrer hat und wie das System funktioniert. Wie kann ich mich hier in das System einbringen? ..."

01.10.2021 - Lisa Gulich, Projektmitarbeiterin / Irene Sperfeld, Projektleiterin des IQ-Projekts - (E&W Sachsen - Ausgabe 10/2021)

„... Der Kurs hat es mir gezeigt.“
(ein Englischlehrer aus Istanbul, Türkei, der jetzt an einer Sekundarschule in Sachsen-Anhalt arbeitet)

Brücken bauen die Mitarbeitenden und Teilnehmenden des Projekts „Brückenkurse und Qualifizierungsbegleitung für migrierte Akademiker*innen in den Bereichen Soziale Arbeit, Pädagogik und Erziehung“ seit nunmehr sechs Jahren. Das durch das BMAS und den ESF geförderte Projekt wird am Zentrum für Forschung, Weiterbildung und Beratung an der Evangelischen Hochschule Dresden durchgeführt und ist Teil des IQ Netzwerks Sachsen. IQ steht dabei für „Integration durch Qualifizierung“. Bisher konnten mehr als 200 Akademiker*innen aus über 40 Ländern in Kursen beziehungsweise durch individuelle Beratung und Begleitung beim beruflichen Wiedereinstieg in Sachsen unterstützt werden.

In Orientierungskursen (drei bis vier Wochen) und Brückenkursen (drei bis vier Monate) werden fach- und berufsbezogenes Deutschtraining, Exkursionen an Arbeitsorte, Workshops und viele Informationen angeboten. Dadurch soll den teilnehmenden Fachkräften der Weg in eine qualifikationsadäquate Beschäftigung geebnet werden. Die Alumni des Projekts verweisen auf unterschiedliche Aspekte, die sich für sie als Brücke in den Beruf zusammengefügt haben:

Eine Anglistin aus Aleppo, Syrien, die derzeit als Schulbegleiterin in Ostsachsen arbeitet, schreibt: „Der Brückenkurs hat mir sehr geholfen, meinen Weg zu sehen. Ich habe vorher gedacht, dass sich niemand für uns, ausgebildete Migrant*innen, interessiert. Das war eine schöne Zeit, besonders, wenn ich pessimistisch war, da ich jemanden gefunden habe, der mir den richtigen Weg zeigen kann und mich unterstützt hat.“

Ähnlich beschreibt auch eine Pädagogin aus Osch, Kirgistan, die Unterstützung, die sie erhalten hat: „Der Brückenkurs war für mich sehr wichtig in meiner Orientierungsphase. Er hat mir neue Wege geöffnet. Meistens fehlen wichtige Information um voranzukommen. Der Brückenkurs hat mir die Möglichkeit gegeben, in kurzer Zeit Orientierung zu bekommen und andere Arbeitsbereiche anzuschauen, um zu verstehen, was mir tatsächlich am Herzen liegt.“

Eine Sozialarbeiterin aus Bräcke, Schweden, jetzt als Sozialpädagogin in einem Familienzentrum in der Nähe von Dresden angestellt, hebt hervor: „Wichtig für mich war die Teilnahme an einem Kurs, der sich inhaltlich durchgehend auf Menschen mit Migrationserfahrung konzentrierte und bei dem die Sprache zu meinem Deutschniveau passte. Im Brückenkurs ging es auch um Stärkung der Gruppenzugehörigkeit, Reflexion und Empowerment, was mir persönlich sehr gut gefallen hat.“

Und eine nun in einer Bildungsstätte in einer nordsächsischen Kleinstadt tätige Psychologin aus Curitiba, Brasilien, betont: „Ich erinnere mich mit großer Freude an den Respekt, mit dem ich im Kurs immer behandelt wurde. Ich kam zurück zu der Überzeugung, dass ich in Deutschland genauso arbeiten kann wie in Brasilien, meiner Heimat.“

Viele Projektteilnehmer*innen beschreiben die Bestärkung, die sie erfahren haben. Das betrifft die Sprachkompetenzen Deutsch wie auch die persönliche und professionelle Selbsteinschätzung und Entwicklung. So formuliert eine Sportpädagogin aus Anápolis-Goiás, Brasilien, die jetzt als pädagogische Fachkraft in einer Kita in der Nähe von Dresden arbeitet: „Die Möglichkeit, zu sprechen und gehört zu werden, und die Korrekturen von Sprache und Schrift sowie all die anderen im Kurs erlebten dynamischen Verfahren waren für mich äußerst wichtig, um meinen aktuellen Job zu bekommen.“

Manche kommen zu der Erkenntnis, dass sie ihre Pläne ändern und zum Beispiel noch einmal ein Studium absolvieren müssen, um ihren beruflichen Weg in Sachsen fortsetzen zu können.

Eine Juristin aus Latakia, Syrien, beschreibt ihre Entscheidung zum Studium der Sozialen Arbeit, das sie seit 2020 an der ehs absolviert: „Vor dem Kurs wollte ich eine Ausbildung zur Erzieherin machen. Die Idee, hier zu studieren, war undenkbar, weil ich keine deutsche Muttersprachlerin bin und das Studium ein zu schwerer Weg für mich zu sein schien. Allerdings habe ich durch meine Erlebnisse im Brückenkurs und meine Beziehungen zu den Tutorinnen und Mitarbeiterinnen gespürt, dass ich unbedingt das Studium der Sozialen Arbeit aufnehmen möchte und dass dies zu schaffen ist.“

Diese Bestärkung ist kaum zu überschätzen, denn der Weg zurück in den Beruf, den die Projektteilnehmenden in ihren Herkunftsländern erlernt und ausgeübt haben, ist steinig: Schwierigkeiten bei der Beschaffung der originalen Hochschulzeugnisse und Arbeitsnachweise, lange Wartezeiten im Anerkennungsverfahren mit offenem Ausgang, schwer zu erfüllende Auflagen oder finanzielle Hürden bei der Absolvierung von Anpassungslehrgängen sind neben dem Erwerb hoher und fachspezifischer Deutschkenntnisse nur einige Hindernisse.[1]
Eine berufliche Neuorientierung oder der Umzug aus Sachsen in ein anderes Bundesland sind Konsequenzen, die einige Teilnehmende des Projekts beschreiben.

Der Wunsch, in Sachsen eine Beschäftigung in den Bereichen Soziale Arbeit, Pädagogik oder Erziehung aufzunehmen, kann während der Kursteilnahme und durch die individuelle Qualifizierungsbegleitung mit der Realität abgeglichen werden. Durch Exkursionen und Workshops, die fester Bestandteil des Brückenkurses sind (und die im vergangenen Jahr pandemiebedingt digital stattfinden mussten), können Einblicke in Arbeitsfelder gewonnen und auch Unsicherheiten abgebaut werden.

So betont ein Musikpädagoge aus Deir ez-Zor, Syrien, der jetzt an einer freien Schule in Dresden arbeitet, dass der Brückenkurs ihm „den Einstieg in den Lehrerberuf indirekt durch zahlreiche Themenfelder und Workshops und durch eine Hospitation ermöglicht“ habe.

Und ein Englischlehrer aus Kobane, Syrien, derzeit Kulturdolmetscher im Hort einer Dresdner Grundschule, beschreibt es als hilfreich, dass er „durch die Exkursionen und Workshops unterschiedliche Organisationen und Einrichtungen kennenlernen konnte und unsere Fragen von Professionellen beantwortet wurden.“

Um diese und weitere Einblicke ermöglichen zu können, sind die Mitarbeitenden des IQ-Projektes immer auf der Suche nach Partner*innen. Wollen Sie unseren Teilnehmenden in einem Workshop Einblick in Ihre Tätigkeit geben? Darf eine Brückenkursgruppe Ihre Institution besuchen? Können Sie Hospitant*innen oder Praktikant*innen aufnehmen? Haben Sie noch andere Ideen für Austausch und Zusammenarbeit?
 
Oder: Gibt es in Ihrem Bekannten- oder Freundeskreis, in Vereinen oder Gemeinden, in denen Sie aktiv sind, oder in der Elternschaft Ihrer Einrichtung migrierte akademische Fachkräfte, für die die Teilnahme am IQ-Projekt eine Brücke in den Beruf sein könnte?

Wenden Sie sich per E-Mail an:
IQ-Projekt(at)ehs-dresden(dot)de

Nähere Informationen zum Projekt und zu den Kursen finden Sie hier: https://www.ehs-dresden.de/iq-projekt/

Lisa Gulich
Projektmitarbeiterin
Irene Sperfeld
Projektleiterin des IQ-Projekts

[1] Ausführlich beschreibt die Hürden Brhan Al Zoabi, Koordinator des Netzwerks für geflüchtete und migrierte Lehrkräfte der GEW Sachsen https://t1p.de/7u26 S. 16-18

Info:
Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ verfolgt die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von migrierten Erwachsenen. Das Programm wird durch das Bundes­ministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert. Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Bundesagentur für Arbeit (BA).