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Fair ChildhoodBildung statt Kinderarbeit – Studie bestätigt nachhaltigen Erfolg

Seit einigen Jahren unterstützt die Bildungsinternationale in diversen Ländern des globalen Südens den Kampf gegen Kinderarbeit, u. a. mit Geldern der GEW-Stiftung Fair Childhood. Dabei geht es um Projekte einheimischer Gewerkschaften zur Errichtung kinderarbeitsfreier Zonen.

 

01.11.2020 - Volker Peters, Bruni Römer, Fair Cildhood - (E&W Sachsen Ausgabe 11/2020)

Die Sozialwissenschaftlerin Nora Wintour führte 2018/19 eine Studie über den Erfolg der Arbeit in diesen Projekten durch. Sie begutachtete in fünf Ländern die vorgelegten Dokumente, diskutierte mit Betroffenen und beobachtete deren Arbeit vor Ort.

Diese Studie liegt nun vor und zeigt:

  • die Wirksamkeit der gewerkschaftlichen Maßnahmen gegen Kinderarbeit,
  • den Einfluss der Projektarbeit auf die berufliche Weiterentwicklung der Lehrkräfte,
  • positive Auswirkungen für die agierenden Bildungsgewerkschaften,
  • Best-Practice-Ansätze auch in Bezug auf Genderaspekte und
  • wie nachhaltige Projektergebnisse schon ansatzweise erreicht wurden.

Trotz unterschiedlicher nationaler Kontexte gab es in den Schulgemeinschaften bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: die Schaffung eines lernfördernden Schulklimas, das für den Eintritt und Verbleib von Kindern in Schule ausschlaggebend ist sowie deutliches Engagement für die Ziele des Projekts.

Die gewerkschaftlichen Weiterbildungskurse führten zur größeren Motivation bei Schulleitungen und Lehrkräften und boten die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung. In allen besuchten Ländern erklärten die Lehrkräfte, dass sie durch die Schulung ein klares Verständnis von Kinderarbeit bekamen. Sie schätzen und nutzen das von den Gewerkschaften entwickelte Material.

Neues Wissen, neue Methoden, neue Fächer
„Die Leute betrachten mich heute als jemanden mit Wissen über Kinderarbeitskonventionen und Kinderschutz, etwas, was ich damals nicht kannte ... Es hat die Interaktion mit den Eltern gefördert, wir haben körperliche Bestrafung abgeschafft und nutzen stattdessen den Dialog und die Anleitung und Beratung“,
so Schulleiter Erussi, Uganda.

Die neuen Unterrichtstechniken stellten eine grundlegende Abkehr von traditionellen Methoden des Lehrens und körperlicher Bestrafung dar. In einigen Ländern beinhalteten die Schulungen eine Analyse des beruflichen Verhaltens der Lehrkräfte im Hinblick auf ihre regelmäßige Anwesenheit in der Schule und ihre Vorbildfunktion.
Die Schulen legen jetzt Wert auf Sport, Theater, Musik und Kunst und fördern Schüler*innen-Clubs. Diese Aktivitäten trugen nach Überzeugung der Lehrkräfte erheblich zur Motivation und zur Schaffung eines integrativen Umfeldes bei.
In den Projekten versuchen die Verantwortlichen (zum Teil mit Elternunterstützung), Schulmahlzeiten für Kinder und Lehrkräfte  bereitzustellen.

„Die Lehrer*innen überprüfen nun die Anwesenheit und Leistung der Kinder. Sie haben früher Listen geführt, aber jetzt kümmern sie sich ... ihre Reaktion auf Fehlzeiten ist anders. Wenn ... ein Kind ständig abwesend ist, kann der Kinderarbeitsausschuss der Schule beschließen, die Eltern zu besuchen und herauszufinden, was das Problem sein könnte.“
Angelina Lunga, ZIMTA Koordinatorin für Kinderarbeit, Zimbabwe

In allen untersuchten Ländern bieten Schulen Nachhilfeklassen oder zusätzliche Unterstützung für Zurückkehrende an oder solche, die abbrechen wollen. Schüler*innen wirken in Gremien mit, übernehmen Verantwortung und unterstützen zurückgekehrte Kinder, die oft älter und einer Stigmatisierung ausgesetzt sind.

Einer der innovativsten Ansätze der Projekte betrifft die Bildung (über)regionaler Ausschüsse zur Beendigung von Kinderarbeit. In einigen Ländern sind Eltern-Lehrkräfte-Vereinigungen oder Mütter-Vereinigungen aktiver geworden. Hausbesuche von Lehrer*innen halfen u. a., praktische Lösungen für wirtschaftliche Schwierigkeiten zu finden und Familien vom Wert der Mädchenbildung zu überzeugen.

Genderfragen im Auge behalten
Projektverantwortliche haben sich der praktischen Hindernisse für Mädchen angenommen, z. B. für Sicherung des Schulweges und Bau getrennter Sanitärräume für Mädchen gesorgt. Sie wirkten der kulturellen Tradition früher Verheiratung und häufigen Teenagerschwangerschaften entgegen.
Entgegen der starken gesellschaftlichen Stigmatisierung ermöglichten sie schwangeren Mädchen, jungen Müttern und Witwen die Rückkehr an die Schule und einen Grundschulabschluss.

Gewinn für Gewerkschaften
Gewerkschaftsvorsitzende berichten, dass die Projekte gegen Kinderarbeit und ihre politische Entscheidung, einen Arbeitsschwerpunkt auf Bildungsqualität zu legen, sich gut ergänzen.
Das bietet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit anderen Gewerkschaften und den Bildungsbehörden, u. a. mit der Folge, dass ihre Gewerkschaften auf nationaler und internationaler Ebene bekannt wurden. Die Wahrnehmung der Gewerkschaften in der Öffentlichkeit sowie die Beziehungen zu Schulleitungen, Eltern und Behörden verbesserten sich erheblich, auf nationaler, regionaler und schulischer Ebene.

Die Mitglieder in den Projekten engagierten sich stärker in Gewerkschaftsarbeit. Für alle Länder gilt, dass in den betroffenen Schulen signifikante Mitgliederzuwächse zwischen 23 und 47 Prozent zu verzeichnen waren.
Alle Gewerkschaften gaben an, dass die Vermeidung von Kinderarbeit und Schulabbrüchen und die Förderung einer qualitativ hochwertigen Bildung für sie auch künftig vorrangig sind.


Volker Peters, Bruni Römer
Fair Cildhood