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Kommentar: Als ob es kein Morgen gäbeDas Krisenmanagement in sächsischen Kindertageseinrichtungen

Keine vier Wochen ist es nun her, seit die sächsischen Kindertageseinrichtungen per Allgemein­verfügung geschlossen wurden – abgesehen von einer Notbetreuung für Kinder von Eltern in Berufen der „kritischen Infrastruktur“. Inzwischen zeigt sich jedoch schon recht deutlich, dass die Corona-Krise auch eine Krise des Verhältnisses zwischen den Arbeitgebern und ihren Beschäftigten zu werden droht.

06.05.2020 - Matthes Blank, Gewerkschaftssekretär BV Dresden - (E&W Sachsen Ausgabe 05/2020)

Zugegeben, die hier wiedergegebene Wahrnehmung eines Gewerkschaftssekretärs ist eine eingeschränkte, bei der in erster Linie auftretende Probleme in den Fokus geraten. Schließlich wenden sich Mitglieder für gewöhnlich nicht an ihre Gewerkschaft, wenn in ihrem Arbeitsalltag alles in Ordnung ist und die Entscheidungen ihres Arbeitgebers für sie transparent und nachvollziehbar sind.
Doch die überdurchschnittlich vielen Anfragen von alarmierten Erzieherinnen und Erziehern, die bei uns in den vergangenen Wochen eingegangen sind, zeichnen überregional und trägerübergreifend ein eher düsteres Bild davon, wie die Arbeitgeber mit der Krise umgehen. Dabei ist ihre Vorgehensweise von solch hoher Geschwindigkeit, fehlendem Feingefühl und vorauseilendem Aktionismus geprägt, dass selbst erfahrene Beobachter darüber erstaunt sind.
So war die Allgemeinverfügung gerade verkündet, da begannen die ersten Träger bereits Zwangsurlaub und den Aufbau von Minusstunden für ihre pädagogischen Fachkräfte anzuordnen.
Ebenso schnell wurden die weit verbreiteten und teils seit Jahren auf das maximal mögliche Wochenstundenmaß hochgefahrenen Sockelarbeitsverträge auf das vertraglich festgelegte Minimum reduziert. Allem Infektionsrisiko zum Trotz, verweigerten Arbeitgeber gleichzeitig ihren Beschäftigten vielerorts die Heimarbeit. Stattdessen wurden ganze Kollegien in die Einrichtungen zitiert, in denen die wenigen verbliebenen Kinder nun einen auf den Kopf gestellten Personalschlüssel erlebten. Und obendrein wurden Personalvertretungen entweder zu rechtlich fragwürdigen Zustimmungen zur Einführung von Kurzarbeit gedrängt oder gleich ganz aus der gesetzlich vorgeschriebenen Mitbestimmung herausgehalten.

Zwar hat der sächsische Kultusminister auf unsere Kritik hin noch einmal öffentlich klargestellt, dass die Kita-Finanzierung nach wie vor in voller Höhe gewährleistet ist. Trotzdem haben nicht wenige Städte und Gemeinden nach wie vor die Absicht, Zuschüsse nicht an Freie Träger weiterzureichen, die dadurch inzwischen tatsächlich in finanzielle Schwierigkeiten geraten und gezwungen sind, ihre Beschäftigten in Kurzarbeit zu schicken.

Doch die genannten Maßnahmen der öffentlichen und privaten Arbeitgeber trafen die Erzieherinnen und Erzieher bereits zu einem Zeitpunkt, als dies noch gar nicht zur Debatte stand. Entsprechend frustriert und wütend waren die Reaktionen der pädagogischen Fachkräfte, die ja schließlich selbst der „kritischen Infrastruktur“ zugerechnet werden.
Dies wird besonders verständlich, wenn man sich noch einmal kurz die Situation der jüngeren Vergangenheit vor Augen führt. Die gerade beendete Winterzeit ist in den Krippen, Kindergärten und Horten in jedem Jahr durch einen hohen Krankenstand geprägt. Angesichts von ohnehin chronisch unterbesetzten Teams kann der Ausfall von Kolleginnen und Kollegen dann auch nicht mehr allein durch die Reduzierung der pädagogischen Angebote kompensiert werden. Sondern die verbleibenden, noch nicht erkrankten Erzieherinnen und Erzieher, müssen sich bei durchweg allen Trägern um deutlich mehr Kinder kümmern als gewöhnlich. Das bedeutet Arbeitsverdichtung, Überstunden und Mehrarbeit und hat oftmals für sie selbst gesundheitsgefährdende Folgen.

Für viele Arbeitgeber ist das selbstverständlich, die Reduzierung der Öffnungszeiten ihrer Einrichtungen kommt in den allerseltensten Fällen vor, eine Anerkennung und Würdigung der Beschäftigten für ihr Engagement ebenso. Stattdessen wird der Fachkräftemangel beklagt, der Politik die Schuld gegeben und auf eigene Anstrengungen, neue Beschäftigte zu finden, verwiesen. Die Winterzeit ist allerdings nur der Höhepunkt im Jahresverlauf, der sich durch eine permanent hohe Belastung auszeichnet. Die Öffentlichkeit erfährt davon – wenn überhaupt – zumeist erst, wenn die Hilferufe aus einzelnen Einrichtungen so laut werden, dass sie es in die Tagespresse schaffen.

Eine der häufigsten Aussagen, die wir im Zusammenhang mit den beschrieben Arbeitgebermaßnahmen in der Corona-Krise zu hören bekommen, lautet:
„Immer machen wir alles mit. Wenn wir gebraucht werden, fragt uns niemand, wie es uns geht und ob uns Mehrarbeit passt. Wir werden an unsere Grenzen getrieben und der Arbeitgeber begründet das mit der besonderen Situation. Jetzt sollen wir auf einmal nicht mehr gebraucht werden und der Arbeitgeber begründet das wieder mit der besonderen Situation. Er dreht es sich wie er es braucht und verlangt von uns, dass wir es hinnehmen. Wir erhalten einfach eine neue Dienstanweisung oder einen geänderten Arbeitsvertrag und das war es dann.“

Viele Strategien der Träger im Umgang mit der Krise führen somit bislang vor allem auch dazu, dass das Vertrauen der Beschäftigten in ihre Arbeitgeber nachhaltig beschädigt wird. Dabei sind letztere dringend auf gute und motivierte pädagogische Fachkräfte angewiesen. Das wird von ihnen normalerweise auch nicht bestritten, wie nicht zuletzt das Umwerben von Absolventinnen und Absolventen der Fachschulen verdeutlicht. Um sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren, wird keine Karrieremesse ausgelassen, ruft man Tage der Erzieher aus oder führt Kennenlern­veranstaltungen in den Einrichtungen durch. Im Zentrum dieser Selbstdarstellungen stehen in erster Linie die eigene Professionalität und pädagogische Arbeit. Entsprechend gehören „gründliche und umfassende pädagogische, psychologische und methodische Kenntnisse“ zu den in Stellenanzeigen benannten Anforderungen für Erzieherinnen und Erzieher.

Was sie von ihrem Personal einfordern, lassen viele Arbeitgeber in diesen Tagen aber selbst vermissen. Eine gute Mitarbeiterführung hat im Blick, dass Beschäftigte im Gegenzug für ihre Arbeit eben nicht allein ihr Gehalt erwarten. Nur wer die Wertschätzung, das Sicherheitsbedürfnis und die subjektiv empfundene Gerechtigkeit seiner Angestellten nicht aus den Augen verliert, wird tatsächlich als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen. Wer auch nach der Krise Mitarbeiter finden will, sollte dies gerade jetzt in seinem Handeln berücksichtigen.

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