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Hochschullehre „Es betrifft uns am Ende alle“

An der Uni Leipzig müssen Lehrkräfte für besondere Aufgaben (LfbA) doppelt bis dreimal soviel Lehre halten, wie wissenschaftliche Mitarbeitende - auf Kosten der Qualität und Wissenschaftlichkeit. Ein Interview mit Pauline Majunder.

01.12.2021 - Interview von Felix Fink mit Pauline Majunder – E&W Sachsen – Ausgabe 12/2021

Pauline, kannst Du dich kurz vorstellen? Was hast Du letztes Jahr an der Uni gemacht und was machst Du jetzt gerade?

Ich bin Pauline Majunder. Vor einem Jahr habe ich noch als Lehrkraſt für besondere Aufgaben (LfbA) in der Grundschuldidaktik Deutsch gearbeitet. Mittlerweile bin ich Studentin und habe eine Aushilfsstelle, die bald ausläuſt. Mit dem Lehramtsstudium habe ich parallel zur LfbA-Stelle angefangen. Davor hatte ich einen Magister in Germanistik gemacht und dann mit einer Promotion angefangen. Diese habe ich dann aber aus verschiedenen Gründen abgebrochen. Während der Promotion war ich noch als Wissenschaſtliche Mitarbeiterin (WiMi) angestellt, danach wurde ich nur noch als LfbA angestellt.

Als Du von der WiMi auf die LfbA Stelle gewechselt bist, wo war da der Unterschied?

Da gab es eigentlich keinen wirklichen Unterschied. Ich musste immer noch forschen, aber zudem musste ich auch deutlich mehr Lehre übernehmen. Ich habe da die gleichen Seminare gegeben wie auch vorher, nur mehr. Im Forschungsprojekt habe ich auch weiterhin mitgemacht – nur nicht mehr mit selbstständiger Forschung.

Was ist eigentlich eine Lehrkraſt für besondere Aufgaben (LfbA)? Was sind denn diese besonderen Aufgaben?

Eine gute Frage! Eigentlich ist eine LfbA eine Person, die hauptsächlich lehrt, also Seminare etc. gibt. In der Realität gibt es aber oſt kaum einen Unterschied, weil man als LfbA auch mit forscht und in den Gremien genauso mitwirkt. Für LfbA gehört zu den Tätigkeiten genauso wie für die Wissenschaſtlichen Mitarbeiter*innen die Lehre, das Konzipieren und Abnehmen von Prüfungen, die Beratung usw. Ich kann Dir nicht sagen, was da wirklich das ›besondere‹ ist. Nur dass eine LfbA halt mehr lehren muss als eine Wissenschaſtliche Mitarbeiterin.

Obwohl – das Selbstverständnis ist auch ein anderes. Den LfbA wird zugeschrieben, dass ihre Forschung keine „wirkliche“ Forschung ist. Normalerweise übernehmen LfbA einfachere Tätigkeiten in der Lehre, wie etwa Übungen. Dort werden meist keine Prüfungsleistungen aus diesen Veranstaltungen generiert. Aber seit ich hier an der Uni Leipzig bin, wurde das ganze Lehramt mit diesen Stellenkategorien zweckentfremdet und überflutet. Man verwendet sie so viel, um die vielen Seminare abdecken zu können.

Im letzten Sommer hat die Problematik der prekären Arbeits- und Lehrbedingungen ganz schön Fahrt aufgenommen. Es gab mehrere Groß-demonstrationen und das Rektorat wurde für einige Tage besetzt. Was war denn da los?

Der Ursprung des Protestes war der Fakt, dass eine große Finanzierungsquelle für das Lehramt wegfällt und eine neue, nämlich der Zukunſtsvertrag, kommt. Damit sind zum 31.12.2020 auch der Vertrag von sehr vielen Dozierenden ausgelaufen. Worauf es hinauslaufen sollte, war für die Dozierenden schon im Frühjahr 2020 klar. Alle wussten, dass ihre Verträge Ende 2020 auslaufen, Proteste waren geplant. Wegen aktivistische Potential jedoch zurück, weil die Lehre auf ‚online‘ umgestellt werden musste und Kinder zu betreuen waren. Bis zum Juni hatte man sich dann berappelt, weil dann immer klarer wurde, wie das mit den auslaufenden Verträgen laufen soll. Dort gab es dann auch die Demonstrationen.

Weil mein Vertrag auslief, bekam ich die Ansage, dass ich meine Lehre für das Wintersemester 2020/21 einfach bis zum Ende des Jahres fertig gehalten haben soll. Also, dass die Seminare Ende Dezember einfach enden, weil ja auch mein Vertrag nur so lange lief. Ich sollte also die gleichen Inhalte in weniger Zeit vermitteln. Als ich mich dann beschwerte, wurde diese Aufforderung zurückgezogen. Mein Seminar wurde im Januar von einer anderen Person übernommen. Ich weiß aber, dass manche Seminare auch einfach im Dezember endeten.

Was glaubst Du, wie sich die Dozierenden im letzten Jahr gefühlt haben?

Im Sommer, als die Proteste starteten, hatten viele noch die Hoffnung, dass ihre Verträge verlängert werden und sie am Ende des Jahres nicht gehen müssen. Das war bei mir aufgrund persönlicher Konflikte mit meiner Chefin etwas anders.

Durch die Hoffnungen vieler Dozierender hat sich eine Dynamik entwickelt, in der man eigentlich protestieren wollte, gleichzeitig aber auch die Angst hatte, dass man deswegen keinen neuen Vertrag bekommt und gehen muss. Ich glaube, auf der Ebene der Hochschullehrenden wurde dieses Vakuum auch so ein bisschen machtpolitisch genutzt. Vielleicht hat man es absichtlich ein bisschen in der Schwebe gelassen, wer bleibt und wer geht, damit die Dozierenden ruhig bleiben. Viele haben keinen Urlaub gemacht, weil sie gewartet haben, bis ihre eigenen Stellen ausgeschrieben wurden, auf die sie sich dann bewerben konnten. Es ist dann immer die berechtigte Angst da, dass man aussortiert wird. Das war eine unfassbar unangenehme Situation. Es entstand eine Konkurrenz zwischen

Diejenigen, die aber verbeamtet waren, also die Professor*innen, haben die Situation teils genutzt, um zu schauen, wer am meisten hinter ihnen steht – obwohl die Profs ja eh eine feste Stelle haben. Dadurch waren viele Mitarbeiter*innen sehr loyal zu den Leitungspersonen, weil sie unbedingt weiterhin an der Uni bleiben wollten. Das war aber sehr verschieden.

Was hat denn diese Umstrukturierung der Arbeitsbedingungen im Lehramt im Wintersemester 2020/21 genau für Auswirkungen gehabt? Wie war die Stimmung im Kollegium und unter den Studierenden?

Ich habe den Bruch aus beiden Perspektiven mitgenommen. Meinen Kurs musste ich wie gesagt zum Januar an eine Kollegin übergeben. Ich hatte zu den 150 Studierenden eine Vertrauensbasis aufgebaut. Auch wenn das von vornherein klar war, ist es eine sehr unbefriedigende Situation, dass mitten im Semester die Dozentin wechselt. Nebenbei habe ich ja auch selbst studiert, da habe ich das genauso wahrgenommen. Mir ging das emotional auch nah, gerade weil es ein Bruch mit Ansage war. Die Nachfolger*innen, die die Lehre übernehmen mussten, hatten oſt auch gar nicht die Kapazitäten, so viele Studierende abzufertigen. Darunter hat die Lehre sehr gelitten, es blieb kaum Zeit für die Betreuung der Studierenden. Meine Arbeitskraſt wäre weiterhin benötigt worden, denn jetzt macht eine Person das, was vorher zwei gemacht haben. Ich nehme das dem Rektorat persönlich wirklich übel. Die Situation mit Corona war so schon schwer genug. Ihnen war es einfach egal, dass es durch den Wechsel mitten im Semester noch beschissener wird.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass die Studierendenzahlen gleich blieben, es aber weniger Dozent*innen gab und gibt. Die Dozent*innen, die jetzt angestellt sind, müssen mehr Lehre machen und haben dadurch weniger Zeit für die Studierenden. Die Korrektur von Prüfungsleistungen dauert oſt viel länger. Ich selbst habe manche Prüfungsleistungen immer noch nicht zurück. Außerdem werden die Prüfungsleistungen immer mehr so geplant, dass sie für die Dozierenden einen möglichst geringen Korrekturaufwand darstellen.

Seit einigen Wochen trendet auf Twitter der Hashtag #ichbinhannah. Was hat es damit auf sich?

Unter dem Hashtag #ichbinhanna berichten deutschlandweit Dozierende über ihre Situation an den Unis. Die meisten Berichte werden auf Twitter gepostet. Ich hab’ da gleich eine starke Verbindung zu den Protesten in Leipzig gesehen. Das Bildungsministerium hat die Verantwortung auf die Hochschulen abgeschoben, hat gesagt, dass die Hochschulen verantwortungsvoll mit ihren Beschäſtigten umgehen sollen.

Ich hab’ mir das aber letztes Jahr in Leipzig schon gedacht: Das was möglich und erlaubt ist, im negativen Sinne, machen die Unis auch. Man wird ausgequetscht wie eine Zitrone, bis es nicht mehr weitergeht. Von Verantwortung habe ich da nichts gemerkt. Ich hatte eher das Gefühl, dass von den Verantwortlichen eine Choreografie entworfen wurde, es wurde immer die Möhre vor die Nase gehalten.

Unter dem Hashtag #ichbinhanna berichten viele Dozierende von persönlichen Schicksalen. Wenn man sich diese Schicksale jedoch im Gesamten anschaut, so geht es doch allen irgendwie gleich. Hinter den Entscheidungen der Universitäten steckt der neoliberale Gedanke, dass die Universität wie ein Unternehmen geleitet wird. Natürlich quetscht man die Leute so weit wie möglich aus.

Beispielsweise wurden kaum volle LfbA Stellen ausgeschrieben, weil man eigentlich weiß, dass man es kaum schaffen kann, so viele – teils bis zu 400 – Studierende zu betreuen, wie es auf einer vollen Stelle vorgeschrieben ist. Wenn man die Leute jedoch nur auf 50 % anstellt, dann werden sie trotzdem mehr als die Hälſte des Tages, vielleicht sogar den ganzen Tag, arbeiten, weil sie ihre Arbeit sonst nicht schaffen. Bezahlt bekommen sie aber natürlich nur den halben Tag. Das ist moderne Ausbeutung.

Siehst Du eine Verbindung zu den Protesten im letzten Sommer an der Uni Leipzig?

Für den Zukunſtsvertrag haben die Länder sich zwar lasche, nicht rechtlich bindende Selbstverpflichtungen gegeben, aber der Bund kontrolliert nicht. Das Geld wird dann an die Hochschulen gegeben, ohne eine Möglichkeit zu kontrollieren, was damit eigentlich passiert. Die Leute unter dem Hashtag #ichbinhanna wollen einfach nur ordentliche Arbeitsbedingungen.

Eigentlich läuſt es überall gleich. Die Ministerien konnten sich einmischen, aber sie nehmen den Zustand bewusst in Kauf und schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Es ist ein bewusstes Spiel, bei dem am Ende die Beschäſtigten und vor allem auch die Studierenden verlieren. Der Qualitätsverlust ist doch offensichtlich.

Ich fand es bei den Protesten letztes Jahr richtig gut, dass Dozierende und Studierende bspw. zusammen gesagt haben, dass sie Multiple-Choice-Klausuren, die von Computern korrigiert werden, einerseits nicht anbieten und andererseits auch nicht schreiben wollen. Ich finde es auch schlimm, dass man im Lehramt kaum zwischen Seminaren wählen kann, außer in einem Modul. Das kommt natürlich auch daher, dass die Dozierenden keine Zeit haben, verschiedene Seminare zu planen, weil sie eben so viele Lehrveranstaltungen geben müssen. Es betrifft uns am Ende alle.

Kannst Du zum Abschluss noch kurz umreißen, wie für Dich eine fortschrittliche Lehrer*innen-Ausbildung aussehen sollte – aus Sicht einer ehemaligen Mitarbeiterin und einer aktuellen Studentin?

Das wäre eine Lehrer*innen-Bildung, die sich nicht immer wieder in einen Selbstwiderspruch verwickelt. Das wäre ein Studium, in dem sich die Dozierenden nicht im Frontalunterricht vor das Seminar stellen und dann sagen, dass Frontalunterricht scheiße ist.

Ich finde auch, dass wir als Studierende eine Haltung entwickeln müssen. Aber das geht nicht über das reine Einspeisen von Wissen in die Köpfe, wie es jetzt gerade in der Onlinelehre massiv stattfindet. Auch in meiner eigenen Lehre durſte ich mich nicht fünf Meter rechts und fünf Meter links vom Weg wegbewegen. Ich hab’ das teilweise gemacht, aber ich musste immer noch den sehr umfangreichen Stoff vermitteln.

Ich würde mir als Studierende viel mehr ‚irritierende Momente‘ wünschen. Ich habe als Dozentin zum Beispiel in meiner ersten Folie zum Schriſtspracherwerb einen Rechtschreibfehler eingebaut und dann nach einer halben Stunde die Studis gefragt, ob sie eigentlich denken, dass ich jetzt dumm bin. Das sind so tolle Momente, in denen von der 0815-Lehre abgewichen wird. Wenn man den Studierenden die Freiheit gibt, Erfahrungen zu sammeln und nicht nur den Stoff auswendig zu lernen. Auch ich als Dozentin fand es mega toll, wenn Studierende mir Fragen gestellt haben, auf die ich spontan gar keine Antwort hatte. Es ist für mich eine hochwertige Lehre, wenn genau diese Fragen dann thematisiert werden können, und sie nicht untergebuttert werden, weil sie eben nicht auf dem Plan stehen.

Bestimmte Dinge kann man gar nicht steuern, jeder nimmt irgendetwas anderes mit. Ich hab das eh nicht in der Hand. Aber je mehr Freiraum ich gebe, umso wahrscheinlicher wird es, dass es wirklich so Aha-Momente gibt, die bei den Studierenden hängen bleiben. Ich wurde mir wünschen, dass die Studierenden einfordern, dass die Probleme, die sie ganz individuell sehen, abgestellt werden. Es müsste eine ganz andere Kultur geben, in der alle Beteiligten wüssten, dass Kritik ankommt. Dafür brauchte es mehr Augenhöhe. Auch Studierende sind erwachsene Menschen. Manchen Dozierenden ist das bewusst, aber viele reproduzieren immer noch eine Hierarchie. Ich ermutige alle Studierenden, dagegen aufzubegehren.

Das Interview führte Felix Fink.

Info:

Wissenschaſtliche Mitarbeiter*innen (WiMi) und Lehrkräſte für besondere Aufgaben (LfbA)

Dozierende an der Universität Leipzig gliedern sich hauptsächlich in zwei Kategorien:

Die „wissenschaſtlichen Mitarbeiter*innen“ (WiMi) und die „Lehrkräſte für besondere Aufgaben“ (LfbA). Die WiMis sind zumeist nicht nur die Angestellten der Professor*innen, und geben in deren Namen Seminare und Übungen, sondern forschen auch in ihrer Arbeitszeit. Deshalb sollen sie nicht so viele Kurse wie LfbAs geben. LfbAs andererseits sollen eigentlich nicht forschen, sondern nur einfache Übungen oder Sprach- und Sportkurse geben. Viele Universitäten missbrauchen aber diese Beschäſtigungskategorie, da sie hierdurch Geld sparen. Somit werden LfbAs und WiMis von den Unis oſt für das gleiche eingesetzt. Der größte Unterschied: WiMis müssen vier Veranstaltungen geben, LfbAs zwischen 8 und 12.

Durch die vielen Seminare, die die LfbAs geben müssen, bleibt kaum Zeit für eine gute Betreuung der Studierenden. Außerdem kann zwischen den verschiedenen Seminaren nur sehr begrenzt variiert werden, weil niemand 10 inhaltlich verschiedene Seminare planen und durchführen kann. Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass beim Einsatz von vielen LfbAs die Prüfungsleistungen so konzipiert werden müssen, dass sie in möglichst kurzer Zeit korrigiert werden können. Denn wer mehr Seminare gibt, muss auch mehr Prüfungen abnehmen. Bei 10 Seminaren, die man halten muss, muss man bis zu 400 Studierende betreuen. Da die LfbAs neben ihren umfangreichen Lehrverpflichtungen kaum selbst forschen können, besteht außerdem die Gefahr, dass die Lehrinhalte von den neusten Erkenntnissen der Forschung abgekoppelt werden.

Zum Weiterlesen: https://asta-oldenburg.de/lehre-als-besondere-aufgabe-der-universitaet