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Pressemitteilung 16/2005

vom 03. November 2005

Individuelle Förderung gibt es nicht zum Nulltarif -
GEW Sachsen zu den PISA-E-Ergebnissen und zu den Schlussfolgerungen des sächsischen Kultusministers


Der Landesverband Sachsen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stimmt Kultusminister Flath in der Bewertung der sächsischen Ergebnisse beim zweiten innerdeutschen PISA-Vergleich in einer Hinsicht uneingeschränkt zu: Das gute Abschneiden Sachsens im innerdeutschen Kompetenzvergleich ist vor allem ein Beleg für die tolle Arbeit der sächsischen Lehrerinnen und Lehrer! Die Bildungsgewerkschaft fügt jedoch ausdrücklich hinzu: Die Lehrerinnen und Lehrer in Sachsen müssen unter ungleich ungünstigeren Rahmenbedingungen als die meisten ihrer westdeutschen Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Schulschließungen, Einkommensverzicht und Druck auf die Beschäftigungsverhältnisse durch permanenten Stellenabbau im Schulbereich bestimmen seit 15 Jahren die Berufssituation der sächsischen Lehrer/innen. Um so höher sind die erreichten Ergebnisse in der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern zu bewerten.
Die GEW Sachsen begrüßt auch die relative Zurückhaltung des Kultusministers bei der Bewertung des guten Abschneidens Sachsens im innerdeutschen Vergleich, denn es besteht in der Tat kein Grund zur Euphorie, wenn man den internationalen Vergleich als Maßstab im Auge behält und die Defizite des innerdeutschen Vergleiches nicht übersieht. Angesichts der großen Unterschiede der Schulsysteme in den 16 Bundesländern sind insbesondere vergleichende Aussagen zur Kompetenzentwicklung in konkreten Schulformen mit äußerster Vorsicht zu genießen.
Insgesamt sind die Ergebnisse des zweiten innerdeutschen PISA-Vergleiches für die GEW Sachsen weitgehend enttäuschend, denn sie enthalten gegenüber bereits bekannten Vergleichsstudien kaum neue Erkenntnisse. Die konstatierten Verbesserungen in fast allen Kompetenzbereichen und fast allen Bundesländern sind zwar erfreulich, können aber über die eigentlichen Defizite des Schulsystems in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt nicht hinwegtäuschen:
Angesichts der nach wie vor gravierenden Unterschiede in der Kompetenzentwicklung der Schüler/innen in den 16 Bundesländern wird dem Bildungsföderalismus erneut ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Der „Bildungswettbewerb“ ist zum Konkurrenzkampf geworden, in dem mehr Ressourcen verschleudert als Mittel konzentriert werden, um gemeinsame Anstrengungen zu finanzieren.
Das eigentlich alarmierende Ergebnis der ersten Teststaffel – national wie international – wird erneut bestätigt und hat sich sogar weiter ausgeprägt: In Deutschland ist der Bildungserfolg eines Kindes sehr eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Das deutsche Schulsystem bietet keine Chancengleichheit und ist in dieser Hinsicht keinen Schritt vorangekommen. Auch in Sachsen hat sich der entsprechende Index verschlechtert – dieser Trend darf sich nicht fortsetzen!
Die sächsische GEW-Landesvorsitzende Sabine Gerold warnt davor, die relativ guten Ergebnisse Sachsens als Begründung für eine Fortsetzung der bisherigen Schulpolitik zu nutzen: „Es geht nicht darum, die begrenzten Potenziale des gegliederten Schulsystems durch besseres Sortieren der Kinder auf vermeintlich geeignete unterschiedliche Schulformen auszureizen, sondern die unübersehbaren Schranken dieses Systems endlich zu überwinden. Wir müssen die Begabungspotenziale aller Kinder erkennen und ausschöpfen. Das kann nur durch eine Stärkung der frühkindlichen Bildung und durch ein längeres gemeinsames Lernen, nicht aber durch Zugangsbeschränkungen für Kitas und eine frühzeitige Auslese nach einer nur vierjährigen Grundschule gelingen. Nicht zuletzt die problematische demografische Entwicklung wird dieser Erkenntnis in Sachsen schon sehr bald zum Durchbruch verhelfen.“
Die von Kultusminister Flath angekündigte Zuwendung zu den leistungsschwächeren Schülern bewertet die GEW-Landesvorsitzende als einen vernünftigen Ansatz, der jedoch nur erfolgreich sein wird, wenn den Schulen dafür auch die notwendigen zeitlichen und personellen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.
S. Gerold: „Unter diesem Aspekt ist nicht nur das Weiterbildungsangebot zu qualifizieren, sondern insbesondere auch die derzeitige Stellenausstattung aller Schularten in Sachsen zu überprüfen. Durch den Stellenabbau der letzten Jahre sind Lehrerressourcen freigesetzt worden, die sehr sinnvoll für die Überwindung der Defizite bei der individuellen Förderung der Schüler/innen eingesetzt werden könnten. Hier ist der Haushaltsgesetzgeber am Zuge, die richtigen Erkenntnisse aus den PISA-Studien zu ziehen. Relativ gut, ist noch lange nicht gut genug! Sachsens Schulpolitiker in Regierungsverantwortung sind gut beraten, beide Augen zu öffnen und Kompetenzentwicklung und Chancengleichheit gleichermaßen im Blick zu behalten, statt sich am Status des Einäugigen unter den Blinden zu erfreuen.“
letzte Aktualisierung: 27.01.2006 12:05 Uhr
 
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