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Endlich in die Praxis? Der Vorbereitungsdienst in Sachsen

01.10.2017 - Erschienen in der E&W-Sachsen - Ausgabe 10 / 2017

Wie erleben Lehrer*innen im Vorbereitungsdienst ihre Ausbildung? Im Interview mit der Jungen GEW blicken Mandy und Nadine zurück und berichten von ihren Eindrücken.

Warum habt ihr euch dafür entschieden, euren Vorbereitungsdienst in Sachsen anzutreten?

Mandy:Nachdem ich nach meinem Studium in Bamberg das erste Staatsexamen in der Tasche hatte, waren drei Gründe für mich ausschlaggebend, wieder nach Sachsen zurückzukehren. In Bayern wäre ich kurz vor der Angst eingestellt worden. Das finde ich aufgrund der ziemlich angespannten Wohnungssituation äußerst unverschämt. Die Erfahrungen von Bekannten aus dem Vorbereitungsdienst in Bayern schreckten mich zusätzlich ab. Meiner Meinung nach sollte ein fairer, vorbildhafter Umgang mit zukünftigen Lehrkräften ein Grundsatz für die Lehrerausbildung sein. Zudem lebt und arbeitet mein Freund in Dresden. Zu guter Letzt reizte mich die Dauer des Vorbereitungsdienstes von einem Jahr.

Nadine: Ich habe auch sehr zeitig eine Rückmeldung zu meiner Bewerbung bekommen, was mir ausreichend Planungsspielraum bot. Die mir zugewiesene Schule war zudem sehr günstig gelegen.

Habt ihr euch auch in anderen Bundesländern beworben?

Nadine: Ja. Bremen, Berlin, Nordrhein-Westfalen, und ich hätte mich auch in Sachsen-Anhalt beworben, aber deren Bewerbungsfrist ist erst später.

Der Vorbereitungsdienst ist eine sehr stressige Zeit. Wie habt ihr diese erlebt? Worauf musstet ihr verzichten?

Mandy: Dazu muss ich zunächst sagen, dass ich mich sehr auf den Vorbereitungsdienst gefreut habe. Endlich von der Theorie in die Praxis zu kommen und wieder erfahren, warum ich mich für diesen Beruf entschieden habe. Kurz vor dem Vorbereitungsdienst habe ich außerdem als Versorgungslehrkraft eine DaZ-Klasse an einer Grundschule in Dresden eingerichtet und geführt, was im Gegensatz zum Vorbereitungsdienst eindeutig  stressiger und anstrengender war. Aus dieser Vorgeschichte heraus empfand ich den Vorbereitungsdienst als eine Zeit, in der viele Erwartungen und Anforderungen an mich gestellt wurden, wodurch ich auch viel zu tun hatte. Daher waren die Ferien teilweise nicht vollständig der Erholung gewidmet. Dennoch fühlte ich mich nur in der Zeit von Unterrichtsbesuchen und Lehrproben gestresst. Ich weiß aber, dass es nicht jedem so erging und viele meiner Mitstreiter*innen gestresst waren.

Nadine: Der Stress ist phasenweise sehr hoch, auch weil man oft keine langfristige Planung machen kann, da man nicht weiß, in welchen Klassen man unterrichten wird. Ich habe besonders die Zeit nach den Sommerferien als sehr stressig empfunden. Am Anfang dachte ich noch, ‚Es ist ja gar nicht so schlimm.‘ Verzichtet habe ich dann auf ausreichend Schlaf, den freien Sonntag und Hobbys oder abendliche Veranstaltungen unter der Woche. Ich bin nach Dresden umgezogen und habe mich nicht getraut, etwas Regelmäßiges unter der Woche zu organisieren, weil ich immer dachte, ‚Du weißt ja nicht, ob du abends noch etwas vorbereiten musst.‘

Muss das aus deiner Sicht so sein?

Nadine: Das Problem ist, dass man es ja irgendwann tun muss. Entweder man lernt bereits im Studium mehr zur konkreten Unterrichtsplanung, den Lehrwerken, der Erstellung von Tests und Klassenarbeiten oder man muss es im Ref machen. Die Zeit scheint immer zu knapp. Ich denke, man sollte eher lernen, sich besser zu organisieren und untereinander auszutauschen - und zwar nicht informell, wie viele das bereits tun, sondern ganz formell und geplant. Außerdem ist das Stundenmaß zu schnell zu hoch.

Wie habt ihr die Zusammenarbeit mit euren Mentoren erlebt?

Nadine: Das war super. Sehr bereichernd und wirklich eine Unterstützung. Leider kenne ich jedoch auch einige, die weniger Glück hatten.

Mandy: Ich gehöre unter meinen Bekannten ebenfalls zu denen mit mehr Glück. Mit meiner Mentorin hatte ich eine Person an meiner Seite, die sehr strukturiert und effizient den Unterrichtsalltag gestaltete. Darüber hinaus sah sie mich als gleichberechtigte Partnerin in ihrer Klasse an und nach Unterrichtsbeobachtungen erhielt ich von ihr immer konstruktives Feedback. Jetzt, da ich eine eigene erste Klasse führe, merke ich nochmal mehr, wie sehr mir meine Mentorin geholfen hat.

Wie schätzt ihr die Ausbildung an der SBA ein? Hat sie euch bei der Unterrichtspraxis geholfen?

Mandy: Unsere Dozent*innen waren wirklich klasse. In Unterrichtsbesuchen hoben sie unsere Stärken hervor und halfen uns die Schwächen abzubauen. Diese Besuche empfand ich als sehr hilfreich. Hinzu kamen die Seminarveranstaltungen jeden Mittwoch, in denen der Austausch unter uns angehenden Lehrkräften einen hohen Stellenwert hatte. Zudem haben wir aber durch den Methodenreichtum und Erfahrungen der Dozent*innen viel gelernt und für unsere berufliche Zukunft mitgenommen. Tipps, Tricks und Kniffe konnte ich sofort im Unterricht ausprobieren und anwenden. Ein Wunsch, der offen blieb, war die Hospitation bei unseren Dozent*innen selbst. Außerdem hätten wir gern mehr als nur einmal die Möglichkeit gehabt, uns gegenseitig zu hospitieren, um andere Schulen und deren Unterrichtspraxis kennenzulernen.

Nadine: Dann hattest du wirklich Glück, denn die Ausbildung an der SBA ist ebenfalls sehr abhängig von den jeweiligen Ausbilder*innen. Mir persönlich hat das Seminar eher wenig geholfen, obwohl es trotzdem schön war, andere Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst zu treffen und sich austauschen zu können.

Derzeit arbeitet ihr beide in Sachsen. Seht ihr hier auch eure künftige Arbeitsstätte?

Mandy: Ich habe mittelfristig nicht vor, aus Sachsen wegzugehen. Meine Familie ist im Raum Leipzig zu Hause und ich habe mich nach knapp zwei Jahren in Dresden langsam eingelebt und fühle mich wohl. Zudem wurde zu Schuljahresbeginn mein Wunsch erfüllt, an einer neu eröffneten Grundschule zu unterrichten. Diese persönlichen Bedürfnisse nehmen einen hohen Stellenwert bei mir ein. Definitiv ist Sachsen für mich aber kein Bundesland, in dem mir der Beruf als Lehrerin attraktiv erscheint und auch nicht dafür gesorgt wird, dass er attraktiver wird.

Nadine: Ich bleibe auch erstmal hier. Ein erneuter Umzug nach einem Jahr wäre zu stressig und die Schule, an der ich jetzt arbeite, hält erstmal genug Herausforderungen bereit. Leider habe ich ein bisschen Angst, dass Sachsen sich nicht innovationsbereit zeigen wird und ich mir die Veränderung, die an vielen Stellen so dringend nötig wäre, an anderer Stelle suchen muss.

Was wäre aus eurer Sicht die drängendste Änderung beim Vorbereitungsdienst?

Nadine: Der Vorbereitungsdienst sollte entschlackt werden, dafür aber auch nach den Prüfungen fortlaufen. Ich finde es schon wichtig, dass man nach einem Jahr weiß, dass man bestanden hat und wenigstens dieser Druck weg ist. Aber der Lernprozess hält ja mindestens noch 5 - 8 Jahre und eigentlich über den gesamten Berufsweg hinweg an. Es sollte ein viel größerer Schwerpunkt auf Weiterbildung, gegenseitiges Coaching und den Austausch untereinander gelegt werden. Dafür ist aber wenig Zeit und es interessiert auch keinen - entweder man macht es freiwillig in der Freizeit oder es wird sich nichts weiterentwickeln.

Mandy: Ich denke, dass die Lehrer*innen im Vorbereitungsdienst über die Ausbildungsstätte der SBA hinaus geschätzt werden sollten. Wir als angehende Lehrkräfte sind die dringend gebrauchten Nachwuchskräfte im Schulwesen, denen ebenso Anerkennung und Würdigung gebührt. Leider habe ich das in meinem Vorbereitungsdienst nicht erfahren. Der Wegfall der feierlichen Zeugnisübergabe ist dabei nur ein Beispiel für die fehlende Anerkennung.

Und abschließend: Welchen Tipp wollt ihr angehenden LiV mitgeben?

Nadine: Macht euch immer wieder bewusst, dass es auf jeden Fall machbar ist und behaltet die Freude an eurem Fach und den Kindern!

Mandy: Seid neugierig und fragt viel, arbeitet und haltet zusammen, seid selbstbewusst und erhaltet euch Freiräume, in denen ihr Spaß habt und abschalten könnt!

Wir danken euch ganz herzlich für das Interview!

Das Interview führten für die Junge GEW: Paul Fietz & Burkhard Naumann

Du möchtest uns deine Eindrücke vom Vorbereitungsdienst schicken? Dann schreib uns einen Leser*innenbrief. In der Dezember-Ausgabe der E&W Sachsen möchten wir weitere Eindrücke veröffentlichen.

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